Türkei: Ost-West-Konflikt und Migration
Eine kurze Einführung
Grundsätzliche Feststellung
Die primäre Ursache der Migration in ihren verschiedenen Formen ist das Entwicklungs-Gefälle
a. zwischen dem industrialisierten Westen und dem vorwiegend agrarischen Osten der Türkei
b. zwischen den Rand- und Gebirgsregionen Anatoliens und den fruchtbaren Beckenlandschaften.
Die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Disparität des Landes hat eine Bevölkerungsbewegung gigantischen Ausmasses ausgelöst. Die Landflucht aus der Osttürkei ist seit mehr als zwei Jahrzehnten auch eine der prekären Auswirkungen des Kriegs gegen die PKK. Durch die Zunahme der Landflucht haben sich die - nur partiell ethnisch begründeten - politischen Spannungen verschärft.
Migration ist ein Schlüsselthema zum Verständnis der sozialen und politischen Probleme der Türkei.
Die Spannung zwischen Tradition und Fortschritt
Besonders in abgelegenen und kargen Hochlandregionen haben sich unter den Bedingungen der Subsistenzwirtschaft eine nahezu archaische Sachkultur, die Einbindung in halbfeudale Verhältnisse und eine durch patriarchalische Familien- und Stammesstruktur gestützte Tradition erhalten.
In den Grossstädten hat sich dagegen - mit verstärkter Dynamik seit der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts - eine mobile, auf Gelderwerb und Konsum orientierte Gesellschaft etabliert, die sich von den traditionellen Normen und Bindungen zunehmend emanzipiert.
Wo in ländlichen Regionen der Eigenbesitz an Land zur Sicherung des Lebensunterhalts nicht ausreicht, wo die Mittel und strukturellen Voraussetzungen zur Betriebsvergrösserung fehlen und Zupacht von schlechtem Land zu wenig einbringt, bleibt vielen Dorfbewohnern oft nur die Möglichkeit, sich als schlecht bezahlte Landarbeiter/innen zu verdingen oder saisonweise und schliesslich ganz zu emigrieren.
Die männlichen Saison-Migranten sind der Spannung zwischen divergierenden Wirklichkeiten und den Schwierigkeiten der Arbeitssuche ausgesetzt, wogegen die im Dorf zurückbleibenden Frauen während der Abwesenheit der Männer die Haupt-Verantwortung für den bäuerlichen Hof und die Kindererziehung tragen.
Die aus wirtschaftlichen Gründen notwendige Saisonmigration der Männer ist häufig die Vorstufe der Auswanderung ganzer Familien in die regionalen Zentren und in die Westtürkei.
Das Fernsehen trägt seit der Elektrifizierung ostanatolischer Dörfer im ausgehenden 20.Jahrhundert das Bild der urbanen Konsumwelt und einer auf technischem Fortschritt begründeten Mobilität in die bäuerliche Wohnstube. Dieses trügerische Bild vertieft das Gefühl von Armut und Chancenlosigkeit und reizt zugleich die Hoffnung, durch Migration bürgerlichen Wohlstand und Unabhängigkeit zu gewinnen. Fortschritts-Utopien lösen sowohl unterschwellige Aengste als auch übertriebene Erwartungen aus. Dem Wunsch nach Veränderung widerspricht die Furcht, eine in tradierten sozialen Beziehungen und Normen begründete Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Soziale Auflösungserscheinungen in den von Auswanderung betroffenen Regionen verfestigen unter den Zurückgebliebenen reaktionäre Haltungen. Erfolgsnachrichten und Imponiergehabe Emigrierter stärken dagegen die Tendenz Auswanderungswilliger ihre Erwartungen zu übersteigern. Vorspiegelungen oder mangelhafte Information sind ein entscheidender Hintergrund der durch zahllose Einzel- und Familienschicksale bewiesenen Tragik der Migration.
Der innertürkische Konflikt hat neben seiner sozio-ökonomischen und kulturellen eine brisante politische Dimension. Die Migration hat ihn längst in die grossen Bevölkerungszentren der Westtürkei hineingetragen. Er ist inzwischen auch in Europa angekommen. Im Osten und Südosten überschreitet seine komplexe, durch den Irakkrieg einmal mehr veränderte Dynamik seit jeher nationale Grenzen.
Die Bewältigung des durch den Krieg zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK in den letzten 25 Jahren vertieften politischen Konflikts hat im Hinblick auf Reformen Priorität. Migration und Krieg haben ganze Dorfgemeinschaften erfasst und auseinandergerissen. Viele Familien haben durch die Auswirkungen der Kämpfe - besonders durch Dorfzerstörung und Umsiedlung - ihren Land- und Viehbesitz verloren und reklamieren heute seine Rückerstattung oder Entschädigung. Weder die Rückerstattung von verlorenem Gut noch eine durchgreifende Landreform hat gegenwärtig eine reelle Chance. Die aus dem Kriegsgebiet in entfernte Landesteile emigrierten Familien verfügen oft nicht einmal über die nötigen Mittel für die Rücksiedlung in ihre Herkunftsregion.
In seiner wirtschaftlichen Entwicklung ist der vorwiegend kurdisch besiedelte, relativ bevölkerungsarme und im Vergleich zu andern Regionen schon immer vernachlässigte Osten der Türkei durch den Krieg erneut zurückgeworfen. Ein Blick etwa auf die Sachkultur ruraler Gebiete Ostanatoliens vermittelt einen anschaulichen Begriff vom enormen Kontrast der durch die Migration aufeinanderstossenden Lebenswirklichkeiten: Holzpflüge, Ochsenkarren mit Holz-Scheibenrädern, traditionelle Wassermühlen, Erdbackofen, getrocknete Schafdungfladen als Brennmaterial, Holzknüttel zum Weichklopfen der Schurwolle, Tragjoche und Esel zum Wasserholen sind Beispiele von Relikten einer archaischen dörflichen Kultur.
Wenn in Istanbul Frauen emigrierter Familien im Hof eines einstöckigen Flachdach-Hauses oder auf der Gasse der Gecekondu in Plastiksäcken angelieferte Schurwolle mit Stecken weichklopfen, dann wird eine aus sozialen Gründen tabuisierte Auswirkung der Migration greifbar. Die Tatsache, dass die dörfliche Bauweise der Häuser und selbst gewisse Arbeitsmethoden an das Emigrationsziel verpflanzt, dass bäuerliche Tradition im völlig anderen wirtschaftlichen Beziehungsgefüge der Grossstadt behelfsmässig weitergepflegt wird, belegt die materielle Notlage der Auswanderer und verdeutlicht, wie schwer der Uebergang in die urbane Umwelt zu bewältigen ist. Die industrielle Textilfertigung bietet zu wenige Arbeitsplätze an, um für die Masse der Zuwanderer einen regulären Verdienst zu sichern. Die industrielle Entwicklung hält in der Türkei trotz sektorieller Modernisierung mit dem Bevölkerungszuwachs der urbanen Regionen nicht Schritt.
In den Ausgangsregionen der Migration bewirken Ansätze der Technisierung, wie beispielsweise die Einführung eines Traktors durch einen initiativen Bauern im Gebirgsdorf, zunächst keine markanten Veränderungen. Wo der Traktorpflug gegen einen Teil der Ernte auf den Feldern der Nachbarn zum Einsatz kommt, setzt die „Neuerung“ nicht schlagartig die Mechanisierung der Landwirtschaft in Gang, weil sich nicht jede Familie solche Produktivkraft leisten kann und die Besitzstrukturen die ökonomische Entwicklung der Landwirtschaft nicht begünstigen. Ausserdem fehlt vor allem in entlegeneren Grenz- und Gebirgsregionen der Markt für eine gesteigerte landwirtschaftliche Produktion. Somit bleibt etwa der traditionelle („primitive“) Holzpflug - als ein Relikt und Symbol der Subsistenzwirtschaft - neben dem eisernen Wendepflug nach wie vor im Gebrauch.
Die tägliche Wasserversorgung beansprucht Zeit und bindet Energien, welche für die Entwicklung der Produktivität eingesetzt werden könnten. Die Installation eines Leitungsnetzes zur Hausversorgung übersteigt die privaten und öffentlichen Mittel. Unter den gegebenen Umständen kann zwar bei grösserer Entfernung der Quelle von einer Siedlung ein Traktor- oder Pferdebesitzer die Wasserversorgung mittels Tanks und Wagen als Geschäft zu betreiben beginnen. Aus materiellen Gründen versorgen trotzdem die meisten Frauen ihren Haushalt weiterhin mittels Tragjochen, Schubkarren und Eseln mit Trinkwasser. Technische Entwicklung bewirkt, wie dieses Beispiel zeigt, zwar bisweilen einen Einbruch in die herkömmliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, doch erfolgen Veränderungen der traditionellen Verhältnisse in der Regel in sehr kleinen Schritten.
Sanierungs- und Entwicklungsprojekte setzen, besonders im Bereich der Wasserversorgung und Dorfentwicklung, die Einleitung einer auf die Bedürfnisse aller abgestimmten Reform regionaler politischer und wirtschaftlicher Strukturen voraus. Ihre Realisierung erfordert den Einbezug, das heisst die Information und aktive Beteiligung, aller Betroffenen einer Dorfgemeinde oder Region.
Beispiel einer ans Migrationsziel überführten dörflichen Arbeitstradition
(siehe: Kurze Einführung, Absatz 10, oben)
1. Das Weichklopfen und Waschen der Schafwolle im Dorf
a. Die Verarbeitung der Schafwolle in Ostanatolien - eine Energie fordernde dörfliche Frauenarbeit
Nicht nur das Melken der Schafe und Kühe sowie die Milchverarbeitung im Haushalt, sondern auch die anstrengende Verarbeitung der Wolle ist fast ausschliesslich Sache der Frau. Das Weichklopfen, Entfetten und Waschen der Schurwolle, die Vorbereitung der Gespinstfaser, ist ein stundenlanger Kraftakt, den die jungen Frauen mit rhythmischem Schwung und eleganter Wendigkeit absolvieren - manchmal allein, meist jedoch in Gruppen zu zweit, zu dritt, zu fünft im Wechseltakt, alle zwei oder drei Minuten pausierend. Von einer Bachstufe hallen die Schläge weit an den Hängen des Tals. Dumpfer tönen sie im Morast neben dem Dorfbrunnen oder im Sand am Vanseeufer. In der Regel wird die rohe Wolle auf einem Tuch oder einer Plastikfolie ausgelegt. Am Brunnen, wo oft gleichzeitig die Kühe zur Tränke trotten oder andere Frauen waschen und ihre Kanister mit Trinkwasser abfüllen, fliesst eine Schlammbrühe über die Plane und spritzt bei jedem Schlag auf. Ein grober Holzknebel mit einem geglätteten Handgriff ist das Schlagwerkzeug. Die Arbeit in der Gruppe fordert Konzentration, der Rhythmus treibt an und fördert die Geschmeidigkeit des Arbeitsablaufs. Beim Haus wird die durch Klopfen und Waschen erweichte, entfettete und anschliessend gereinigte Wolle an einem Waschseil luftig aufgehängt und getrocknet, im traditionellen Produktionsgang später von Hand gestrählt und zu Garn versponnen, je nach Gebrauch gefärbt und schliesslich zu Wollgeweben verarbeitet. Am Webstuhl oder Knüpfrahmen entstehen in geduldiger Feinarbeit Teppiche und Decken zum Eigengebrauch und Verkauf an den Händler.
Das Gebirgsdorf, der Dorfbrunnen
Das Dorf Celal liegt vor einer längst erstarrten Zunge der weit in die Hochebene vorgeschobenen Lavamassen des Ararat. Zur Schmelzzeit im April und Mai bildet der Fluss Sari Su im Umkreis des Dorfs einen See von beträchtlicher Grösse. Der Brunnen dient in den Dörfern als Viehtränke, zum Waschen von Teppichen und anderen Textilien sowie zur täglichen Versorgung des Haushalts mit Trinkwasser.
Das Dorf Celal liegt vor einer längst erstarrten Zunge der weit in die Hochebene vorgeschobenen Lavamassen des Ararat. Zur Schmelzzeit im April und Mai bildet der Fluss Sari Su im Umkreis des Dorfs einen See von beträchtlicher Grösse. Der Brunnen dient in den Dörfern als Viehtränke, zum Waschen von Teppichen und anderen Textilien sowie zur täglichen Versorgung des Haushalts mit Trinkwasser.
b. Trocknen und mechanisches Krempeln der Schafwolle
Die am Waschseil getrocknete Wolle wird statt in mühsamer Handarbeit auch in einer Walzen-Krempel mechanisch gestrählt. Die Maschine kommt auf Bestellung im Dorf zum Einsatz. Der technische Standart hat Generationen überlebt. Das im Dorf Güzelsu unter der Burg Hoshap aufgebockte altertümliche Modell des Vermieters aus Adilcevas (Provinz Van) kann an einen Traktor angeschlossen werden.
Güzelsu liegt an einer Transitstrecke und die Strassenkarawanserei verfügt über kleine Autowerkstätten. Es scheint naheliegend, dass die hier ansässigen Bewohner sich eher der Tradition entfremden. Um einen bahnbrechenden Fortschritt handelt es sich bei dieser Miet-Walzen-Krempel allerdings nicht, auch wenn sie die strenge Hofarbeit der Frauen erleichtert. Eine analoge Neuerung ist die fahrbare Dreschmaschine, welche die Arbeit mit dem Dreschflegel oder der Eselwalze ersetzt. Vor Güzelsu ist übrigens in den letzten Jahren eine staatlich geförderte kleine Teppichmanufaktur eingerichtet worden.
Güzelsu liegt an einer Transitstrecke und die Strassenkarawanserei verfügt über kleine Autowerkstätten. Es scheint naheliegend, dass die hier ansässigen Bewohner sich eher der Tradition entfremden. Um einen bahnbrechenden Fortschritt handelt es sich bei dieser Miet-Walzen-Krempel allerdings nicht, auch wenn sie die strenge Hofarbeit der Frauen erleichtert. Eine analoge Neuerung ist die fahrbare Dreschmaschine, welche die Arbeit mit dem Dreschflegel oder der Eselwalze ersetzt. Vor Güzelsu ist übrigens in den letzten Jahren eine staatlich geförderte kleine Teppichmanufaktur eingerichtet worden.
c. Weichklopfen, Waschen, Entfetten der Schafwolle am laugehaltigen Vansee

d. Webunterricht für Mädchen in einem Dorfschulhaus
Im Schulhaus des Dorfs Pullutarla in der Araratebene - einem Nachbardorf von Celal - wird für Mädchen ein staatlich geförderter Werkunterricht im Weben erteilt. Ziel ist die Qualitätsverbesserung und Entwicklung der Heimindustrie.
Das an der Schule verarbeitete Garn wird wie in den vom Staat eingerichteten Manufakturen eingekauft. Häufig wird Industriegarn aus dem Iran importiert. Die Rahmen der für den Webunterricht zur Verfügung gestellten Handwebstühle, wahrscheinlich Occasionen aus einer Weberei, sind aus Metall.
An der Wand des Schulzimmers hängt das obligate Porträt des Staatsgründers. Ein Webfachlehrer hat die Aufsicht über den Betrieb. Die Schülerinnen arbeiten streng nach Vorlagen. Die ausgewählten Muster leiten einen Bruch mit der regionalen, meist an Stammestraditionen orientierten Teppichproduktion ein oder fördern ihn zumindest, wo er sich ohnehin vollzieht. Ob der Absatz für das Teppich-Verlagsgewerbe und ein besserer Verdienst für die Haushalte dadurch gesichert werden können, ist allerdings angesichts der weltweiten Krise des Teppichhandels sehr fraglich.
e. Alltagsarbeit der Frauen an der Dorfquelle
Während der Hirte die Schafe zur Dorfquelle treibt, waschen die Frauen und Mädchen von Alintepe ebendort ihre Teppiche und Tücher oder füllen Kanister mit Trinkwasser. Die schweren Teppiche und Wasserkanister transportieren sie meistens mit einem Schubkarren etwa einen Kilometer weit übers Feld zum Dorf zurück.
Das kaum 12-jährige Mädchen verrichtet eine schwere Arbeit: Es spült den Teppich im kalten Quellteich, bürstet ihn, schleppt sein Nassgewicht dann auf die Wiese, damit er an der Sonne etwas trocknet. Nach einer Zeit, in der sie andere Arbeiten verrichtet, legt sie ihn zusammen und transportiert ihn zum Haus zurück.
2. Schurwollverarbeitung als Heimarbeit in Migrantenquartieren der Grossstadt
a. Verarbeitung des Rohstoffs in einer Altstadtgasse von Istanbul-Aksaray
Das Wohnquartier und die Strassenszene
In diesem Wohnquartier westlich des Atatürk Bulvari im Umkreis des grossen Verkehrskreuzes haben sich Migrantenfamilien niedergelassen. Die mehrstöckigen alten Häuser reihen sich Wand an Wand gebaut. Die Wohnverhältnisse sind sauber aber eher armselig. Einzelne Holzbauten osmanischer Tradition, welche dem Quartier mit ihren hohen Erkern einen romantischen Touch verleihen, sind einfach konstruiert und inzwischen etwas heruntergekommen. Die anstelle abgerissener Holzhäuser errichteten zwei- und dreistöckigen Backsteinhäuser sind anspruchslos und reparaturbedürftig. Die Kabel elektrischer Anschlüsse hängen notdürftig befestigt an den Fassaden. Wie üblich sind alle Fenster der Untergeschosse vergittert. Die rostigen Rollläden des Kiosks einer vormaligen Handlung sind verklemmt und aus den Laufschienen gezerrt. Offensichtlich sind sie seit langer Zeit nicht mehr hochgezogen worden. Auf dem Blechdach liegt ein weggeworfenes Kinderfahrzeug. Einzig die Gasse scheint wohl mit gutem Grund neu gepflastert, da der Morast nach den häufigen Leitungsbrüchen nicht mehr zumutbar war.
Das Quartier ist immerhin von jedem Durchgangsverkehr abgeschirmt. Es wirkt friedlich und wohnlich. Die Gasse ist ein geräumiger Aufenthaltsort und gefahrloser Spielplatz für die Kinder. Solche fast ländliche Wohnidylle findet sich überraschenderweise unfern vom hektischen Zentrum von Aksaray - Anatolien mitten in Istanbul! Vom Verkehr umbrandete ärmliche Inseln der Altstadtzone, kleinere und grössere, gibt es auch andernorts, zum Beispiel entlang der Tangente von Beyoglu an den steilen Hängen unterhalb des Tarlabasi Bulvari.
Auf der Gasse sind um diese Tageszeit keine Männer, sondern ausschliesslich Frauen und Kinder zu sehen. Einige der Frauen sind auf dem Pflaster mit ihrer Heimarbeit beschäftigt, welche für die Familien einen Zusatzverdienst einbringt.
Auf einem Baumwollsack ist sein Inhalt, eine Ladung Schafwolle, ausgebreitet. Eine junge Frau sitzt auf der Unterlage und zerpflückt die Flocken. Eine zweite etwa gleichaltrige Frau unterhält sich in Kniehocke lachend mit der arbeitenden; eine dritte sitzt, ein Baumwolltuch über den Schoss gelegt, wartend auf dem Gehsteig. Vor dem Hauseingang schubst eine ältere Frau die von einem Sonnendach geschützte Schaukelwiege. Zwei etwa dreijährige Knirpse spielen neben der Gruppe. Der eine zieht den Waschschlauch über den Gehsteig, der andere rührt mit einem Handbesen in einem blauen Plastik-Wasserkübel. Und ein Mädchen stösst tänzelnd einen Kinderwagen über das Pflaster.
Frauen gucken von höheren Stockwerken auf die Gasse herunter und Kinderbeine in gelben Pijamahosen baumeln vom Sims eines vergitterten Fensters. Weiter hinten, vor dem ergrauten Holzhaus, ist eine andere Frauengruppe zum Schwatz versammelt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite scheint eine einzelne Frau gerade einen der wohl frisch eingetroffenen Stoffsäcke zu öffnen, um Schafwolle zur Bearbeitung vorzubereiten.
Die männlichen Mitglieder der Migrantenfamilien des Quartiers arbeiten wohl vorwiegend als Transporteure oder Verkäufer in Aksaray und im Textilhandel Lalelis, im Service der zahlreichen Restaurationsbetriebe und Hotels der umliegenden Bezirke, als Handwerker und Hilfsarbeiter im Bau, als Taxichauffeure und Hafenarbeiter in Yenikapi oder als Strassenhändler.
b. Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Wollverarbeitung durch Migrantinnen
Bei der Wollverarbeitung durch Migrantinnen - wie hier auf der Strasse oder in engen Haushöfen der Gecekonduquartiere - handelt es sich nicht um organisierte Verlagsarbeit, wie sie aus früheren Phasen der Industrialisierung Europas bekannt ist. Die Frauen verarbeiten die Wolle in den Städten nicht anders als auf dem Land in Handarbeit hauptsächlich zur Selbstversorgung sowie für einen Zusatzverdienst durch den Verkauf an den Kleinhandel und an Private.
In der Türkei wird die auf dem Markt angebotene Schafwolle heute zu 80% aus dem Ausland importiert. Der Schafwollimport hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Herkunftsländer sind vor allem Rumänien, Syrien und Griechenland. Der günstig importierte Rohstoff wird im Grossbetrieb zu Garn für die industrielle Textilproduktion sowie für den Handel verarbeitet. Ein Teil der importierten Wolle wird, überwiegend in Anatolien, von Privathaushalten zur Herstellung von Decken, Matratzen oder Textilien verwendet.
Die Türkei erlebt gegenwärtig eine forcierte Entwicklung ihrer industriellen Produktion. Der Textilexport rangiert nach wie vor an der Spitze, doch in den Bereichen Automobilbau, Haushaltgeräte, Elektronik holt die Produktion kräftig auf. Die landwirtschaftliche Produktion kann dagegen nicht Schritt halten. Die Landwirtschaft verharrt insbesondere in gebirgigen Regionen Ostanatoliens, wo traditionell die Schafzucht verbreitet ist, auf einem tiefen Entwicklungsstand.
Gaziantep ist ein bedeutendes Zentrum des Schafwollhandels. Angesichts der hohen Importe an Schafwolle rügt der Vorsitzende der Veterinärkammer Gazianteps die mangelnde Förderung der Landwirtschaft. Die Türkei, meint er, sei aus Kostengründen nicht in der Lage, die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten im Inland aus eigener Kraft zu decken, obwohl das Potential grundsätzlich vorhanden wäre.
In der Westtürkei entstanden vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten hochmoderne Industriekomplexe. Der Modernisierungsschub schafft aber zu wenig Arbeitsplätze. Die Industrie vermag in den durch die Migration stark angewachsenen Grossstädten die Nachfrage nach Arbeit nicht zu kompensieren. Die Migranten sind in der Regel auch zu wenig fachspezifisch ausgebildet. Die Männer finden wohl im Diensleistungssektor - etwa im Bau oder Restaurationsbetrieben - Arbeit. Ihre Familien sind aber meist auf Zusatzverdienst angewiesen. Wenn also Frauen beispielsweise in Heimarbeit wie in ihrer anatolischen Herkunftsregion Importschafwolle verarbeiten, so kann die Tatsache als ein Beleg für den Mangel an Verdienstmöglichkeiten gelten.
b. Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Wollverarbeitung durch Migrantinnen
Bei der Wollverarbeitung durch Migrantinnen - wie hier auf der Strasse oder in engen Haushöfen der Gecekonduquartiere - handelt es sich nicht um organisierte Verlagsarbeit, wie sie aus früheren Phasen der Industrialisierung Europas bekannt ist. Die Frauen verarbeiten die Wolle in den Städten nicht anders als auf dem Land in Handarbeit hauptsächlich zur Selbstversorgung sowie für einen Zusatzverdienst durch den Verkauf an den Kleinhandel und an Private.
In der Türkei wird die auf dem Markt angebotene Schafwolle heute zu 80% aus dem Ausland importiert. Der Schafwollimport hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Herkunftsländer sind vor allem Rumänien, Syrien und Griechenland. Der günstig importierte Rohstoff wird im Grossbetrieb zu Garn für die industrielle Textilproduktion sowie für den Handel verarbeitet. Ein Teil der importierten Wolle wird, überwiegend in Anatolien, von Privathaushalten zur Herstellung von Decken, Matratzen oder Textilien verwendet.
Die Türkei erlebt gegenwärtig eine forcierte Entwicklung ihrer industriellen Produktion. Der Textilexport rangiert nach wie vor an der Spitze, doch in den Bereichen Automobilbau, Haushaltgeräte, Elektronik holt die Produktion kräftig auf. Die landwirtschaftliche Produktion kann dagegen nicht Schritt halten. Die Landwirtschaft verharrt insbesondere in gebirgigen Regionen Ostanatoliens, wo traditionell die Schafzucht verbreitet ist, auf einem tiefen Entwicklungsstand.
Gaziantep ist ein bedeutendes Zentrum des Schafwollhandels. Angesichts der hohen Importe an Schafwolle rügt der Vorsitzende der Veterinärkammer Gazianteps die mangelnde Förderung der Landwirtschaft. Die Türkei, meint er, sei aus Kostengründen nicht in der Lage, die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten im Inland aus eigener Kraft zu decken, obwohl das Potential grundsätzlich vorhanden wäre.
In der Westtürkei entstanden vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten hochmoderne Industriekomplexe. Der Modernisierungsschub schafft aber zu wenig Arbeitsplätze. Die Industrie vermag in den durch die Migration stark angewachsenen Grossstädten die Nachfrage nach Arbeit nicht zu kompensieren. Die Migranten sind in der Regel auch zu wenig fachspezifisch ausgebildet. Die Männer finden wohl im Diensleistungssektor - etwa im Bau oder Restaurationsbetrieben - Arbeit. Ihre Familien sind aber meist auf Zusatzverdienst angewiesen. Wenn also Frauen beispielsweise in Heimarbeit wie in ihrer anatolischen Herkunftsregion Importschafwolle verarbeiten, so kann die Tatsache als ein Beleg für den Mangel an Verdienstmöglichkeiten gelten.
d. Teppichweberinnen am Heimwebstuhl und in einer Manufaktur der Westtürkei
e. Manufaktur und Gelegenheitsarbeit in Werk- und Hinterhöfen
Der Junge schleppt als Aushilfskraft eines Kleinbetriebs den mit leeren Schachteln gefüllten Eimer zur Abfallstelle. Unter der Treppe sitzt ein Mann hinter einem einfachen Webrahmen und knüpft einen Teppich. Kleinmanufaktur in einem Altstadtviertel Istanbul-Fatihs. Im dörflichen Anatolien ist das Teppichknüpfen Frauenarbeit. Am Migrationsziel, in der Stadt, üben unter gewissen Bedingungen auch Männer das Gewerbe aus. Mangel an anderen Arbeitsangeboten und Gelegenheit zu einem Zusatzverdienst für den Lebensunterhalt sind Motive für Veränderungen in der geschlechterspezifischen Arbeitstradition. „Göp“ bedeutet Abfall. Wo es Speiseresten und Innereien gibt, treiben sich die Katzen in Rudeln herum. Der Knabe ist für ein Trinkgeld im Hinterhofgewerbe beschäftigt. Er schaut wohl täglich herum, wo es im Quartier Gelegenheitsarbeit gibt.









