Freitag, 15. Oktober 2010

Türkei IV a


Türkei: Ost-West-Konflikt und Migration

Eine kurze Einführung


Grundsätzliche Feststellung

Die primäre Ursache der Migration in ihren verschiedenen Formen ist das Entwicklungs-Gefälle 

a. zwischen dem industrialisierten Westen und dem vorwiegend agrarischen Osten der Türkei 
b. zwischen den Rand- und Gebirgsregionen Anatoliens und den fruchtbaren Beckenlandschaften.

Die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Disparität des Landes hat eine Bevölkerungsbewegung gigantischen Ausmasses ausgelöst. Die Landflucht aus der Osttürkei ist seit mehr als zwei Jahrzehnten auch eine der prekären Auswirkungen des Kriegs gegen die PKK. Durch die Zunahme der Landflucht haben sich die - nur partiell ethnisch begründeten - politischen Spannungen verschärft.

Migration ist ein Schlüsselthema zum Verständnis der sozialen und politischen Probleme der Türkei.



Die Spannung zwischen Tradition und Fortschritt

Besonders in abgelegenen und kargen Hochlandregionen haben sich unter den Bedingungen der Subsistenzwirtschaft eine  nahezu archaische Sachkultur, die Einbindung in halbfeudale Verhältnisse und eine durch patriarchalische Familien- und Stammesstruktur gestützte Tradition erhalten.

In den Grossstädten hat sich dagegen - mit verstärkter Dynamik seit der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts - eine mobile, auf Gelderwerb und Konsum orientierte Gesellschaft etabliert, die sich von den traditionellen Normen und Bindungen zunehmend emanzipiert.

Wo in ländlichen Regionen der Eigenbesitz an Land zur Sicherung des Lebensunterhalts nicht ausreicht, wo die Mittel und strukturellen Voraussetzungen zur Betriebsvergrösserung fehlen und Zupacht von schlechtem Land zu wenig einbringt, bleibt vielen Dorfbewohnern oft nur die Möglichkeit, sich als schlecht bezahlte Landarbeiter/innen zu verdingen oder saisonweise und schliesslich ganz zu emigrieren.

Die männlichen Saison-Migranten sind der Spannung zwischen divergierenden Wirklichkeiten und den Schwierigkeiten der Arbeitssuche ausgesetzt, wogegen die im Dorf zurückbleibenden Frauen während der Abwesenheit der Männer die Haupt-Verantwortung für den bäuerlichen Hof und die Kindererziehung tragen.

Die aus wirtschaftlichen Gründen notwendige Saisonmigration der Männer ist häufig die Vorstufe der Auswanderung ganzer Familien in die regionalen Zentren und in die Westtürkei.

Das Fernsehen trägt seit der Elektrifizierung ostanatolischer Dörfer im ausgehenden 20.Jahrhundert das Bild der urbanen Konsumwelt und einer auf technischem Fortschritt begründeten Mobilität in die bäuerliche Wohnstube. Dieses trügerische Bild vertieft das Gefühl von Armut und Chancenlosigkeit und reizt zugleich die Hoffnung, durch Migration bürgerlichen Wohlstand und Unabhängigkeit zu gewinnen. Fortschritts-Utopien lösen sowohl unterschwellige Aengste als auch übertriebene Erwartungen aus.  Dem Wunsch nach Veränderung widerspricht die Furcht, eine in tradierten sozialen Beziehungen und Normen begründete Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Soziale Auflösungserscheinungen in den von Auswanderung betroffenen Regionen verfestigen unter den Zurückgebliebenen reaktionäre Haltungen. Erfolgsnachrichten und Imponiergehabe Emigrierter stärken dagegen die Tendenz Auswanderungswilliger ihre Erwartungen zu übersteigern. Vorspiegelungen oder mangelhafte Information sind ein entscheidender Hintergrund der durch zahllose Einzel- und Familienschicksale bewiesenen Tragik der Migration.  

Der innertürkische Konflikt hat neben seiner sozio-ökonomischen und kulturellen eine brisante politische Dimension. Die Migration hat ihn längst in die grossen Bevölkerungszentren der Westtürkei hineingetragen. Er ist inzwischen auch in Europa angekommen. Im Osten und Südosten überschreitet seine komplexe, durch den Irakkrieg einmal mehr veränderte Dynamik seit jeher nationale Grenzen.  

Die Bewältigung des durch den Krieg zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK in den letzten 25 Jahren vertieften politischen Konflikts hat im Hinblick auf Reformen Priorität. Migration und Krieg haben ganze Dorfgemeinschaften erfasst und auseinandergerissen. Viele Familien haben durch die Auswirkungen der Kämpfe - besonders durch Dorfzerstörung und Umsiedlung - ihren Land- und Viehbesitz verloren und reklamieren heute seine Rückerstattung oder Entschädigung. Weder die Rückerstattung von verlorenem Gut noch eine durchgreifende Landreform hat gegenwärtig eine reelle Chance. Die aus dem Kriegsgebiet in entfernte Landesteile emigrierten Familien verfügen oft nicht einmal über die nötigen Mittel für die Rücksiedlung in ihre Herkunftsregion.

In seiner wirtschaftlichen Entwicklung ist der vorwiegend kurdisch besiedelte, relativ bevölkerungsarme und im Vergleich zu andern Regionen schon immer vernachlässigte Osten der Türkei durch den Krieg erneut zurückgeworfen. Ein Blick etwa auf die Sachkultur ruraler Gebiete Ostanatoliens vermittelt einen anschaulichen Begriff vom enormen Kontrast der durch die Migration aufeinanderstossenden Lebenswirklichkeiten:  Holzpflüge, Ochsenkarren mit Holz-Scheibenrädern, traditionelle Wassermühlen, Erdbackofen, getrocknete Schafdungfladen als Brennmaterial, Holzknüttel zum Weichklopfen der Schurwolle, Tragjoche und Esel zum Wasserholen sind Beispiele von Relikten einer archaischen dörflichen Kultur.

Wenn in Istanbul Frauen emigrierter Familien im Hof eines einstöckigen Flachdach-Hauses oder auf der Gasse der Gecekondu in Plastiksäcken angelieferte Schurwolle mit Stecken weichklopfen,  dann wird eine aus sozialen Gründen tabuisierte Auswirkung der Migration greifbar. Die Tatsache, dass die dörfliche Bauweise der Häuser und selbst gewisse Arbeitsmethoden an das Emigrationsziel verpflanzt, dass bäuerliche Tradition im völlig anderen wirtschaftlichen Beziehungsgefüge der Grossstadt behelfsmässig weitergepflegt wird, belegt die materielle Notlage der Auswanderer und verdeutlicht, wie schwer der Uebergang in die urbane Umwelt zu bewältigen ist. Die industrielle Textilfertigung bietet zu wenige Arbeitsplätze an, um für die Masse der Zuwanderer einen regulären Verdienst zu sichern. Die industrielle Entwicklung hält in der Türkei trotz sektorieller Modernisierung mit dem Bevölkerungszuwachs der urbanen Regionen nicht Schritt. 

In den Ausgangsregionen der Migration bewirken Ansätze der Technisierung,  wie beispielsweise die Einführung eines Traktors durch einen initiativen Bauern im Gebirgsdorf, zunächst keine markanten Veränderungen. Wo der Traktorpflug gegen einen Teil der Ernte auf den Feldern der Nachbarn zum Einsatz kommt, setzt die „Neuerung“ nicht schlagartig die Mechanisierung der Landwirtschaft in Gang, weil sich nicht jede Familie solche Produktivkraft leisten kann und die Besitzstrukturen die ökonomische Entwicklung der Landwirtschaft nicht begünstigen. Ausserdem fehlt vor allem in entlegeneren Grenz- und Gebirgsregionen der Markt für eine gesteigerte landwirtschaftliche Produktion. Somit bleibt etwa der traditionelle („primitive“) Holzpflug - als ein Relikt und Symbol der Subsistenzwirtschaft - neben dem eisernen Wendepflug nach wie vor im Gebrauch.

Die tägliche Wasserversorgung beansprucht Zeit und bindet Energien, welche für die Entwicklung der Produktivität eingesetzt werden könnten. Die Installation eines Leitungsnetzes zur Hausversorgung übersteigt die privaten und öffentlichen Mittel.  Unter den gegebenen Umständen kann zwar bei grösserer Entfernung der Quelle von einer Siedlung ein Traktor- oder Pferdebesitzer die Wasserversorgung mittels Tanks und Wagen als Geschäft zu betreiben beginnen. Aus materiellen Gründen versorgen trotzdem die meisten Frauen ihren Haushalt weiterhin mittels Tragjochen, Schubkarren und Eseln mit Trinkwasser. Technische Entwicklung bewirkt, wie dieses Beispiel zeigt, zwar bisweilen einen Einbruch in die herkömmliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, doch erfolgen Veränderungen der traditionellen Verhältnisse in der Regel in sehr kleinen Schritten.

Sanierungs- und Entwicklungsprojekte setzen, besonders im Bereich der Wasserversorgung und Dorfentwicklung, die Einleitung einer auf die Bedürfnisse aller abgestimmten Reform regionaler politischer und wirtschaftlicher Strukturen voraus. Ihre Realisierung erfordert den Einbezug, das heisst die Information und aktive Beteiligung, aller Betroffenen einer Dorfgemeinde oder Region.


Beispiel einer ans Migrationsziel überführten dörflichen Arbeitstradition

(siehe: Kurze Einführung, Absatz 10, oben)


1. Das Weichklopfen und Waschen der Schafwolle im Dorf






a. Die Verarbeitung der Schafwolle in Ostanatolien - eine Energie fordernde dörfliche Frauenarbeit

Nicht nur das Melken der Schafe und Kühe sowie die Milchverarbeitung im Haushalt, sondern auch die anstrengende Verarbeitung der Wolle ist fast ausschliesslich Sache der Frau. Das Weichklopfen, Entfetten und Waschen der Schurwolle, die Vorbereitung der Gespinstfaser, ist ein stundenlanger Kraftakt, den die jungen Frauen mit rhythmischem Schwung und eleganter Wendigkeit absolvieren - manchmal allein, meist jedoch in Gruppen zu zweit, zu dritt, zu fünft im Wechseltakt, alle zwei oder drei Minuten pausierend. Von einer Bachstufe hallen die Schläge weit an den Hängen des Tals. Dumpfer tönen sie im Morast neben dem Dorfbrunnen oder im Sand am Vanseeufer. In der Regel wird die rohe Wolle auf einem Tuch oder einer Plastikfolie ausgelegt. Am Brunnen, wo oft gleichzeitig die Kühe zur Tränke trotten oder andere Frauen waschen und ihre Kanister mit Trinkwasser abfüllen, fliesst eine Schlammbrühe über die Plane und spritzt bei jedem Schlag auf. Ein grober Holzknebel mit einem geglätteten Handgriff ist das Schlagwerkzeug. Die Arbeit in der Gruppe fordert Konzentration, der Rhythmus treibt an und fördert die Geschmeidigkeit des Arbeitsablaufs. Beim Haus wird die durch Klopfen und Waschen erweichte, entfettete und anschliessend gereinigte Wolle an einem Waschseil luftig aufgehängt und getrocknet, im traditionellen Produktionsgang später von Hand gestrählt und zu Garn versponnen, je nach Gebrauch gefärbt und schliesslich zu Wollgeweben verarbeitet. Am Webstuhl oder Knüpfrahmen entstehen in geduldiger Feinarbeit Teppiche und Decken zum Eigengebrauch und Verkauf an den Händler.


Das Gebirgsdorf, der Dorfbrunnen

Das Dorf Celal liegt  vor einer  längst erstarrten Zunge  der  weit in die Hochebene vorgeschobenen Lavamassen des Ararat. Zur Schmelzzeit im April und Mai bildet der Fluss Sari Su im Umkreis des Dorfs einen See von beträchtlicher Grösse. Der Brunnen dient in den Dörfern als Viehtränke, zum Waschen von Teppichen und anderen Textilien sowie zur täglichen Versorgung des Haushalts mit Trinkwasser.






b. Trocknen und mechanisches Krempeln der Schafwolle

Die am Waschseil getrocknete Wolle wird statt in mühsamer Handarbeit auch in einer Walzen-Krempel mechanisch gestrählt. Die Maschine kommt auf Bestellung im Dorf zum Einsatz. Der technische Standart hat Generationen überlebt. Das im Dorf Güzelsu unter der Burg Hoshap aufgebockte altertümliche Modell des Vermieters aus Adilcevas (Provinz Van) kann an einen Traktor angeschlossen werden.

Güzelsu liegt an  einer Transitstrecke und die Strassenkarawanserei verfügt über kleine Autowerkstätten. Es scheint naheliegend, dass die hier ansässigen Bewohner sich eher der Tradition entfremden. Um einen bahnbrechenden Fortschritt handelt es sich bei dieser Miet-Walzen-Krempel allerdings nicht, auch wenn sie die strenge Hofarbeit der Frauen erleichtert.  Eine analoge Neuerung ist die fahrbare Dreschmaschine, welche die Arbeit mit dem Dreschflegel oder der Eselwalze ersetzt. Vor Güzelsu ist übrigens in den letzten Jahren eine staatlich geförderte kleine Teppichmanufaktur eingerichtet worden.  




c. Weichklopfen, Waschen, Entfetten der Schafwolle am laugehaltigen Vansee








d. Webunterricht für Mädchen in einem Dorfschulhaus




Im Schulhaus des Dorfs Pullutarla in der Araratebene - einem Nachbardorf von Celal - wird für Mädchen ein staatlich geförderter Werkunterricht im Weben erteilt. Ziel ist die Qualitätsverbesserung und Entwicklung der Heimindustrie.

Das an der Schule verarbeitete Garn wird wie in den vom Staat eingerichteten Manufakturen eingekauft. Häufig wird Industriegarn aus dem Iran importiert. Die Rahmen der für den Webunterricht zur Verfügung gestellten Handwebstühle, wahrscheinlich Occasionen aus einer Weberei, sind aus Metall.








An der Wand des Schulzimmers hängt das obligate Porträt des Staatsgründers. Ein Webfachlehrer hat die Aufsicht über den Betrieb. Die Schülerinnen arbeiten streng nach Vorlagen. Die ausgewählten Muster leiten einen Bruch mit der regionalen, meist an Stammestraditionen orientierten Teppichproduktion ein oder fördern ihn zumindest, wo er sich ohnehin vollzieht. Ob der Absatz für das Teppich-Verlagsgewerbe und ein besserer Verdienst für die Haushalte dadurch gesichert werden können, ist allerdings angesichts der weltweiten Krise des Teppichhandels sehr fraglich. 




e. Alltagsarbeit der Frauen an der Dorfquelle


 Während der Hirte die Schafe zur Dorfquelle treibt, waschen die Frauen und Mädchen von Alintepe ebendort ihre Teppiche und Tücher oder füllen Kanister mit Trinkwasser. Die schweren Teppiche und Wasserkanister transportieren sie meistens mit einem Schubkarren etwa einen Kilometer weit übers Feld zum Dorf zurück.

Das kaum 12-jährige Mädchen verrichtet eine schwere Arbeit: Es spült den Teppich im kalten Quellteich, bürstet ihn, schleppt sein Nassgewicht dann auf die Wiese, damit er an der Sonne etwas trocknet. Nach einer Zeit, in der sie andere Arbeiten verrichtet, legt sie ihn zusammen und transportiert ihn zum Haus zurück.












2. Schurwollverarbeitung als Heimarbeit in Migrantenquartieren der Grossstadt



a. Verarbeitung des Rohstoffs in einer Altstadtgasse von Istanbul-Aksaray

Das Wohnquartier und die Strassenszene

In diesem Wohnquartier westlich des Atatürk Bulvari im Umkreis des grossen Verkehrskreuzes haben sich Migrantenfamilien niedergelassen. Die mehrstöckigen alten Häuser reihen sich Wand an Wand gebaut. Die Wohnverhältnisse sind sauber aber eher armselig. Einzelne Holzbauten osmanischer Tradition, welche dem Quartier mit ihren hohen Erkern einen romantischen Touch verleihen, sind einfach konstruiert und inzwischen etwas heruntergekommen. Die anstelle abgerissener Holzhäuser errichteten zwei- und dreistöckigen Backsteinhäuser sind anspruchslos und reparaturbedürftig. Die Kabel elektrischer Anschlüsse hängen notdürftig befestigt an den Fassaden. Wie üblich sind alle Fenster der Untergeschosse vergittert. Die rostigen Rollläden des Kiosks einer vormaligen Handlung sind verklemmt und aus den Laufschienen gezerrt. Offensichtlich sind sie seit langer Zeit nicht mehr hochgezogen worden. Auf dem Blechdach liegt ein weggeworfenes Kinderfahrzeug. Einzig die Gasse scheint wohl mit gutem Grund neu gepflastert, da der Morast nach den häufigen Leitungsbrüchen nicht mehr zumutbar war.

Das Quartier ist immerhin von jedem Durchgangsverkehr abgeschirmt. Es wirkt friedlich und wohnlich. Die Gasse ist ein geräumiger Aufenthaltsort und gefahrloser Spielplatz für die Kinder. Solche fast ländliche Wohnidylle findet sich überraschenderweise unfern vom hektischen Zentrum von Aksaray - Anatolien mitten in Istanbul! Vom Verkehr umbrandete ärmliche Inseln der Altstadtzone, kleinere und grössere, gibt es auch andernorts, zum Beispiel entlang der Tangente von Beyoglu an den steilen Hängen unterhalb des Tarlabasi Bulvari.

Auf der Gasse sind um diese Tageszeit keine Männer, sondern ausschliesslich Frauen und Kinder zu sehen. Einige der Frauen sind auf dem Pflaster mit ihrer Heimarbeit beschäftigt, welche für die Familien einen Zusatzverdienst einbringt.

Auf einem Baumwollsack ist sein Inhalt, eine Ladung Schafwolle, ausgebreitet. Eine junge Frau sitzt auf der Unterlage und zerpflückt die Flocken. Eine zweite etwa gleichaltrige Frau unterhält sich in Kniehocke lachend mit der arbeitenden; eine dritte sitzt, ein Baumwolltuch über den Schoss gelegt, wartend auf dem Gehsteig. Vor dem Hauseingang schubst eine ältere Frau die von einem Sonnendach geschützte Schaukelwiege. Zwei etwa dreijährige Knirpse spielen neben der Gruppe. Der eine zieht den Waschschlauch über den Gehsteig, der andere rührt mit einem Handbesen in einem blauen Plastik-Wasserkübel. Und ein Mädchen stösst tänzelnd einen Kinderwagen über das Pflaster.

Frauen gucken von höheren Stockwerken auf die Gasse herunter und Kinderbeine in gelben Pijamahosen baumeln vom Sims eines vergitterten Fensters. Weiter hinten, vor dem ergrauten Holzhaus, ist eine andere Frauengruppe zum Schwatz versammelt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite scheint eine einzelne Frau gerade einen der wohl frisch eingetroffenen Stoffsäcke zu öffnen, um Schafwolle zur Bearbeitung vorzubereiten.

Die männlichen Mitglieder der Migrantenfamilien des Quartiers arbeiten wohl vorwiegend als Transporteure oder Verkäufer in Aksaray und im Textilhandel Lalelis, im Service der zahlreichen Restaurationsbetriebe und Hotels der umliegenden Bezirke, als Handwerker und Hilfsarbeiter im Bau, als Taxichauffeure und Hafenarbeiter in Yenikapi oder als Strassenhändler. 


b. Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Wollverarbeitung durch Migrantinnen

Bei der Wollverarbeitung durch Migrantinnen - wie hier auf der Strasse oder in engen Haushöfen der Gecekonduquartiere - handelt es sich nicht um organisierte Verlagsarbeit, wie sie aus früheren Phasen der Industrialisierung Europas bekannt ist. Die Frauen verarbeiten die Wolle in den Städten nicht anders als auf dem Land in Handarbeit hauptsächlich zur Selbstversorgung sowie für einen Zusatzverdienst durch den Verkauf an den Kleinhandel und an Private.

In der Türkei wird die auf dem Markt angebotene Schafwolle heute zu 80% aus dem Ausland importiert. Der Schafwollimport hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Herkunftsländer sind vor allem Rumänien, Syrien und Griechenland. Der  günstig importierte Rohstoff wird im Grossbetrieb zu Garn für die industrielle Textilproduktion sowie für den Handel verarbeitet. Ein Teil der importierten Wolle wird, überwiegend in Anatolien, von Privathaushalten zur Herstellung von Decken, Matratzen oder Textilien verwendet.

Die Türkei erlebt gegenwärtig eine forcierte Entwicklung ihrer industriellen Produktion. Der Textilexport rangiert nach wie vor an der Spitze, doch in den Bereichen Automobilbau, Haushaltgeräte, Elektronik holt die Produktion kräftig auf. Die landwirtschaftliche Produktion kann dagegen nicht Schritt halten. Die Landwirtschaft verharrt  insbesondere in gebirgigen Regionen Ostanatoliens, wo traditionell die Schafzucht verbreitet ist, auf einem tiefen Entwicklungsstand.

Gaziantep ist ein bedeutendes Zentrum des Schafwollhandels. Angesichts der hohen Importe an Schafwolle rügt der Vorsitzende der Veterinärkammer Gazianteps die mangelnde Förderung der Landwirtschaft. Die Türkei, meint er, sei aus Kostengründen nicht in der Lage, die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten im Inland aus eigener Kraft zu decken, obwohl das Potential grundsätzlich vorhanden wäre.

In der Westtürkei entstanden vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten hochmoderne Industriekomplexe. Der Modernisierungsschub schafft aber zu wenig Arbeitsplätze. Die Industrie vermag in den durch die Migration stark angewachsenen Grossstädten die Nachfrage nach Arbeit nicht zu kompensieren. Die Migranten sind in der Regel auch zu wenig fachspezifisch ausgebildet. Die Männer finden wohl im Diensleistungssektor  - etwa im Bau oder Restaurationsbetrieben - Arbeit. Ihre Familien sind aber meist auf Zusatzverdienst angewiesen. Wenn also Frauen beispielsweise in Heimarbeit wie in ihrer anatolischen Herkunftsregion Importschafwolle verarbeiten, so kann die Tatsache als ein Beleg für den Mangel an Verdienstmöglichkeiten gelten.   


c. Der Transport des Rohstoffs zum Wohnquartier

Das folgende Bild aus Istanbul-Uemranye zeigt, wie zwei Frauen die angelieferten Säcke mit dem Material von der Zufahrt an der Poliklinik des Stadtbezirks vorüber zur Gecekondu tragen, um es im Hof ihrer Häuser zu verarbeiten. 





d. Teppichweberinnen am Heimwebstuhl und in einer Manufaktur der Westtürkei









e. Manufaktur und Gelegenheitsarbeit in Werk- und Hinterhöfen

Der Junge schleppt als Aushilfskraft eines Kleinbetriebs den mit leeren Schachteln gefüllten Eimer zur Abfallstelle. Unter der Treppe sitzt ein Mann hinter einem einfachen Webrahmen und knüpft einen Teppich. Kleinmanufaktur in einem Altstadtviertel Istanbul-Fatihs. Im dörflichen Anatolien ist das Teppichknüpfen Frauenarbeit. Am Migrationsziel, in der Stadt, üben unter gewissen Bedingungen auch Männer das Gewerbe aus. Mangel an anderen Arbeitsangeboten und Gelegenheit zu einem Zusatzverdienst für den Lebensunterhalt sind Motive für Veränderungen in der geschlechterspezifischen Arbeitstradition. „Göp“ bedeutet Abfall. Wo es Speiseresten und Innereien gibt, treiben sich die Katzen in Rudeln herum. Der Knabe ist für ein Trinkgeld im Hinterhofgewerbe beschäftigt. Er schaut wohl täglich herum, wo es im Quartier Gelegenheitsarbeit gibt. 




  

Dienstag, 28. September 2010

Türkei IV b


Die Fortschritts-Utopie

Kommentar zu Aufnahmen in Wohnstuben zweier Dörfer in Van/Caldiran




1. Vater und Sohn vor Devotionalien-Winkel in der Wohnstube, Dorfwächter von Soguksu /Caldiran

2. Laufender Fernseher zwischen zwei Topfpflanzen in der Wohnstube, Yukari Sagmalli /Caldiran (oben)

3. Devotionalienwinkel mit Porträt-Tafel islamischer Heiliger, Wandteppich mit Darstellung der Grossen Moschee von Mekka, Reklame-Kalender und gerahmte Farb-Zeichnung einer Grossstadt mit Autobahnverkehr, Yukari Sagmalli /Caldiran

4. Die schwarz gerahmte Grossstadt-Zeichnung eines Sohnes der Familie - eine Fantasiestudie von Istanbul?





                                   



Grenzlage und wirtschaftliche Situation der zwei Gebirgs-Dörfer:

Die hochgelegenen Bergdörfer Yukari Sagmalli und Soguksu liegen in einem Umkreis von etwa 70 Kilometern vom Nordende des Vansees, beide in Sichtweite der iranischen Grenze. Die Distanz zwischen Istanbul und den Dörfern ist annähernd die grösstmögliche innerhalb der Türkei, beträgt sie doch gut 1800 Strassenkilometer.

Soguksu liegt auf einer nordöstlichen Hochstufe des Distrikts Caldiran an der Passstrasse zwischen Van und Dogubayazit. Unmittelbar hinter dem Dorf erstrecken sich die unbegehbaren Lavafelder des Tendürek. Das Gebiet wird von mehreren Garnisonen aus militärisch überwacht. Yukari Sagmalli liegt östlich des Vansees im schwer zugänglichen Grenzgebirge. Unweit des Dorfs ist auf einem hohen Gipfel, den die Bevölkerung "Todesradar-Berg" nennt, eine US-türkische Radarstation zur Grenzüberwachung errichtet. Das Dorf  ist durch holprige Pisten mit Caldiran und Özalp verbunden. Wenn Hochwasser etwa eine Brücke wegschwemmt, ist die Strassenverbindung unterbrochen.

Die Provinz-Hauptstadt Van ist das nächstgelegene grosse Markt-, Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum. Die Verbindung zu ihr ist eine praktische: Man fährt nach Van, wenn etwas zu erledigen ist - etwa zum Einkauf besonderer Gebrauchsgüter, zum Besuch einer Amtsstelle, eines Arztes oder des Spitals. Ein privater Kleinbus des Dorfs Yukari Sagmalli bringt von dort täglich die Post. Der Chauffeur übernimmt auch Aufträge, transportiert Saatgut oder Werkzeuge.

Im Gegensatz zu typischen Haufendörfern wie Soguksu oder das ebenfalls hochgelegene Yukari Tavla breitet sich das Dorf Yukari Sagmalli in Streusiedlungsform an den Rändern eines weiten Hochtals aus. Die Familien der bäuerlichen Dorfgemeinschaften verbinden wirtschaftliche Interessen und oft verzweigte verwandtschaftliche Beziehungen. Beide Dörfer verfügen über grosse Schafherden, Weideland und Yailalar. Schafzucht und Graswirtschaft haben gegenüber dem bloss extensiv betriebenen Feldbau den Vorrang.

Es herrscht kein Wassermangel. Das am Rand eines gewaltigen Lavafelds unterhalb des Tendürek gelegene Soguksu hat eine reichhaltige dorfnahe Quelle. Im Umland beider Siedlungen bewässert ein kleiner Fluss, von welchem Kanäle und Gräben abgeleitet werden, die Weiden und Felder der Hochtäler. Die Frauen von Yukari Sagmalli waschen und klopfen die Schurwolle an einer Stufe des Flüsschens. In einer Talenge treibt ein Bergbach die Dorfmühle. Die Quelle versorgt Soguksu mit Trinkwasser, an ihrem Teich konzentriert sich die Arbeit der Frauen.

Ein bedeutender Teil der Männer dieser wie anderer Dörfer Ostanatoliens ist auf den Erwerb durch Saisonmigration angewiesen. Normalerweise finden die meisten von ihnen Arbeit in den urbanen Regionen der Westtürkei. Im Dorf  Soguksu waren während der Wirtschaftskrise 2001/2 besonders viele Männer arbeitslos.

Soguksu wurde durch das Erdbeben von Caldiran 1976 teilweise zerstört. Für die von der Zerstörung betroffenen Familien wurden unterhalb der Strasse in einer ummauerten Reihensiedlung Höfe mit Giebeldächern errichtet, welche ihre Bewohner besser gegen die Folgen von Erdbeben schützen.




Bild 1:  Der Dorfwächter von Soguksu und ein Sohn vor den Devotionalien des Wohnzimmers.

Die Dörfer hatten während des Kriegs Dorfwächter zu stellen. Der etwa 45-jährige Dorfwächter von Soguksu übt seine Funktion heute noch aus. Sein Monatsgehalt beträgt etwa 100 Dollars. Auf einem anderen Foto präsentiert er sich in der Wohnstube mit seinem Gewehr und seinen zwei Söhnen. Das Haus des Dorfwächters liegt auf einer das Dorf überragenden Anhöhe. Von einem Felssporn aus bietet sich die Sicht über die Siedlung und rückwärts über die Lavafelder. Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen. Der sehr gastfreundliche und kommunikative Mann erzählt gerne über die Lebensverhältnisse und die Probleme des Dorfs. Er erinnert sich gut an das Erdbeben und auch an Erfahrungen während der schwierigen Zeit des Kriegs. Die PKK führte ihren Kampf von Stützpunkten im Hinterland an den Flanken und in den Lavafeldern des Tendürek aus. Vater und Sohn befinden sich in der Kniehocke vor dem Aufbau des Bettzeugs. An der Wand hinter ihnen hängen die Darstellung eines kniend lesenden Imam (vermutlich Ali) mit der Kaaba von Mekka sowie das verbreitete obligate Poster mit den 36 Heiligen. 



Bild 2:  Die Elektrifizierung und die Bedeutung des Fernsehers in der Wohnstube

Die Häuser verfügen um 2001 wohl über elektrisches Licht, aber bislang nur über wenige Satellitenschüsseln und Fernseher. In einem einzigen etwas höher gelegenen Haus ist für die Dorfbewohner ein Funk-Telefon installiert.

Das TV-Programm beansprucht nur sporadisch die konzentrierte Aufmerksamkeit der Hausbewohner; der Fernseher läuft tagsüber auch wenn niemand davor sitzt und selbst während des Gesprächs mit Gästen in der Wohnstube. Indessen scheint der Bildschirm wie überall die Funktion eines Fensters zur Welt zu erfüllen. Die Männer verfolgen bisweilen die Tagesschau oder politische Wahlpropaganda und bestimmt die aufregenden Sportereignisse. Wenn die oft zahlreichen Kinder der Familie am Boden um das Möbel hocken, dann entlastet es als „Hütedienst“ die Mütter.

Der Bildschirm übermittelt die Projektion einer urbanen Gesellschaft vom anderen Landesende. Aufdringliche Werbefilme, Soaps, Thrillers und die Tagesschau tragen die Impressionen ihres Lebensstils fast pausenlos in die bäuerliche Welt. Der wiegende Schritt der Models auf den Laufstegen Istanbuls oder die schmelzende Stimme eines Stars, untermalt vom Wellenrauschen der türkischen Riviera, irrlichtert in die dunklen Wohnstuben unter den flachen Lehmdächern der Höfe. Mode, Make-up und Affären der Schickeria, Motor-Rennsport, die Eröffnung eines Super-Warenhauses, der Schlag gegen die Drogendealer-Mafia, die Fussball-Meisterschaften, die Fan-Clubs, Musik und Video-Clips, Comics und Komödien - aus solchem Stoff ist der durchschnittliche Programmsulz von gegen fünfzig nationalen Sendern gemischt. Wie die durch die Medien übermittelte säkulare Fortschritts-Utopie das Bewusstsein - Lebensziele, Konsumwünsche, Migrationsmotive - der Generationen einer Familie in vernachlässigten Randregionen formt, wäre als Thema einer Untersuchung aufschlussreich.



Bild 3 und 4:  Der Devotionalien-Winkel der Stube und ein Fantasiebild des Fortschritts: die Grosstadt-Zeichnung des Dorfschülers.

Der religiösen Pflicht, einmal im Leben nach Mekka zu wallfahren, unterzieht sich fast jeder gläubige Moslem. Die Provinzstädte und die westtürkischen Metropolen - allen voran Ankara, Izmir und Istanbul - sind dagegen die Migrationsziele vieler Familien und Saisonarbeiter aus den Gebirgsregionen der Osttürkei. Die Heiligen Mittler und Vorbilder auf dem Poster ermahnen den sunnitischen Moslem zur Befolgung der Scharia, zur täglichen Heiligung sowie zur Einhaltung der im Kalender vorgeschriebenen Riten des islamischen Jahrs. Dass das säkulare Motiv der Kinderzeichnung, welche technischen Fortschritt, Mobilität und  Wohnkomfort der Grossstadt idealisiert, unter den Heiligenbildern Platz findet, könnte auf den ersten Blick befremden. Der Standort des Fernsehers und der „Heiligenwinkel“ als Ort der Andachtssymbole sind in der Wohnstube strikt getrennt. Im Umkreis oder sogar zwischen den Devotionalien finden sich aber in der Regel durchaus Andenken nicht religiöser Art, Dinge, die man sichtbar aufbewahrt, weil sie für die Familie einen besonderen Wert besitzen wie Bildteppiche, Stickereiarbeiten und Basteleien.

Da der Vater auf die Zeichnung des Sohnes stolz war, liess er sie einrahmen und stellte sie vor den Souvenir-Teppich aus Mekka. Man sieht dem Idealprospekt an, dass der Sohn die Grossstadt nicht aus eigener Anschauung darstellte. In der Tat kannte er Istanbul nur von Bildern aus Illustrierten oder vom Fernseher. Die harte Erfahrung der Saisonmigration von Jungen seines Alters - etwa der zahllosen Schuhputzer! - war ihm unbekannt. Die Zeichnung ist bemerkenswert. Sie stellt die Szene ohne Kenntnis der Perspektivregeln in der Manier eines geometrischen Prospekts dar. Die Grossstadt erscheint im Ausschnitt als ein streng geordnetes und (daher) perfekt funktionierendes Ganzes. Verkehr und Wohnen sind räumlich klar getrennt, aber durch Zufahrten sehr planvoll miteinander verbunden. Wir blicken offenbar vom Balkon einer modernen Miethaus-Wohnung auf die vielspurige Verzweigung einer Autobahn. Der Balkon des überliegenden Geschosses und ein Stückchen Natur deuten in den Winkeln das Umfeld des Betrachters an.

Die Darstellungsweise enthält ein Element der Identifikation: Solchen Überblick hat der Bewohner eines Blocks, wie ihn der Zeichner jenseits der Autobahn in palastähnlicher Dimension und mit beeindruckendem Aufwand an Fassaden-Dekor(!) platziert. Im Unterbau stellt er sich wohl Entree, Einkaufszentrum und Restaurants vor. Am rechten Rand ist die Fortsetzung der Wohnschlange angedeutet. Auf bewundernswerte Weise ist es dem Jungen geglückt, zwischen den ausladenden Blöcken die moderne Architektur einer Moschee einzuklemmen. Interessant ist, dass ihre dünnen Minarette die Wohnblöcke nicht überragen. Der Burg am linken Horizont hat der Zeichner einen herabsetzenden Platz zugewiesen. Moschee und osmanische Vergangenheit nehmen sich neben der Welt des technischen Fortschritts kümmerlich aus. Das Tempo und die Geräuschkulisse, welche die Busse und PWs assoziieren, verschlingt die Stille der täglichen Meditation, zu welcher das Vorbild der Heiligen den Gläubigen ruft. Palmen, welche einen kleinen Park im Wohnbezirk abschirmen, ergänzen die künstliche Welt. Realistisch gezeichnet ist einzig das einem Hirtenjungen vertraute Stückchen Fels und Grasnatur im linken Vordergrund.








Kurdischer Junge im „Telsim“-T-Shirt über der Talweide eines Dorfs im grenznahen Hochland Ostanatoliens



Der etwa zwölfjährige Dorfjunge steht auf der Hangterrasse vor seinem Elternhaus. Sein Blick ist mit kritischer Neugier auf die Kamera gerichtet, seine Hände stecken in den Hosensäcken. Ist er misstrauisch oder verlegen? Kaum, kennt er ja den Fotografen; doch Porträtaufnahmen sind im Hochland eine ernsthafte Angelegenheit, man pflegt nicht in die Kamera zu lächeln. Das gelbe T-Shirt des Jungen trägt rechts auf der Brustseite den türkischen Halbmond und darunter in einem grösseren roten Feld den Aufdruck „TELSIM“. Unterhalb der Terrasse, der steinigen Talflanke entlang, verläuft ein Fahrweg. Er verbindet das Dorf talabwärts über die Distriktstadt Özalp mit Van, der Provinzhauptstadt im Südwesten. Der Blick fällt auf die Talweiden, durch welche ein kleiner Fluss mäandert. Am Hangfuss diesseits und jenseits des Tals liegen Einzelhöfe und Weiler mit ihren Ställen und Vorratsplätzen.

Der Sohn eines wohlhabenden Halbbauern hat das im Kommentar zu den Fotos 3 und 4 besprochene Farbbild einer Grossstadt gezeichnet. Sein Vater besorgt im Zweitberuf als Kleinbus-Chauffeur der Dorfschaft Post- und Warentransporte von und nach Van oder auch Caldiran an der Passstrasse Richtung Dogubayazit.



Das Trikot des Dorfschülers mit der Aufschrift TELSIM und dem Flaggensymbol der Nation wirbt zur Zeit der Aufnahme für das zweitgrösste Mobilfunkunternehmen der Türkei. Das Imperium der Gründerfamilie Uzan, eines der einflussreichsten Wirtschaftsclans der Türkei, umfasste zur Zeit der Wirtschaftskrise um 2001/2 noch Banken, Kraft- und Zementwerke, Baufirmen, Medien sowie das einträgliches Mobilfunkunternehmen TELSIM, ausserdem als werbewirksame Investition zwei Profi-Fussballclubs.

Cem Cengiz Uzan, einer der Söhne des Konzernpatriarchen, profilierte sich in der Politik als Gründer der rechtspopulistischen Genc-Partei und wurde als Medienmagnat und Politiker gerne mit Berlusconi verglichen. Der Niedergang des Imperiums verbindet sich mit dem grössten Wirtschaftskrimi des letzten Jahrzehnts. TELSIM ging 2005 in Vodafone auf, der Konzern wurde nach einem gigantischen Betrugsskandal zerschlagen und vom Staat stückweise an die Meistbietenden verkauft.

Dass der aufgeweckte Junge ausgerechnet in dieser abgelegenen und wirtschaftlich unterentwickelten Region des ostanatolischen Grenzhochlands für ein Symbol des Fortschritts in der Telekommunikation wirbt, mutet bloss auf den ersten Blick wie eine „Verkehrte Welt“- Groteske an. Der Konkurrenzkampf der elektronischen Medien wird auch in den abgelegenen Gebirgsdörfern ausgetragen. In einem Nachbarhof ist bis zur Jahrhundertwende, als Handys en gros auf den urbanen Märkten in Ostanatolien aufzutauchen begannen, der einzige Telefonanschluss der Dorfschaft installiert. Wo? Natürlich im Wohnhaus des Dorfwächters! Dass TELSIM und die Genc-Partei damals, als sich die kommenden Probleme des Konzerns wohl ankündigten, selbst in den Grenzregionen Werbekampagnen in Gang setzten, kann als clevere Doppelstrategie interpretiert werden.



Etwas Besomderes will noch erwähnt sein. Zwar hat der Umstand mit ziviler Kommunikation nichts zu tun, dafür umso mehr mit der Grenzlage der Region und global-militärischen Interessen: Auf dem über 3000 Meter hohen Gipfel eines dorfnahen Bergzugs, dem Pirrasit Dagi, hat der NATO-Partner Türkei in Gemeinschaft mit den USA nahe der Ostgrenze eine militärische Radaranlage gegen den Iran errichtet. „Radar-Todesgipfel“ nannten die Einheimischen seitdem ihren höchsten Hausberg. 







Nachbarjunge unter der Türe zum Wohnzimmer des Dorfwächters von Soguksu: 

Der Junge  ist neugierig und zugleich schüchtern über die Schwelle des Raums getreten und hat sich auf dem blauen Fussteppich mit dem Sternmuster auf die Knie niedergelassen. Durch die offene Türe fällt der Blick auf den Hausgang. Der Junge, welcher in seiner Freizeit mit Hof- und Hüterpflichten beschäftigt ist, trägt auf seinem Pullover das Adidas-Signet: ADIDAS EQUIPMENT. Den Preis der Sportausrüstung, für welche er wirbt, werden sich seine Eltern kaum leisten können. Das Markenprodukt ist in Einkaufszentren der Provinzhauptstadt Van im Angebot.






Junge Arbeitslose und Kinder in ostanatolischen Dörfern - Beispiel Soguksu 2001-3 

Die Arbeitslosigkeit wird in allen Dörfern der Region von den Bewohnern als das drückendste Problem gewertet. Kleinbauernfamilien verfügen oft weder durch selbständige noch durch zusätzliche unselbständige Tätigkeit in der Landwirtschaft über eine ausreichende Lebensgrundlage. Dass in Grenznähe der Schmuggel und illegale Geschäfte vielen Männern ein mit Risiken belastetes Einkommen sichern, gilt als offenes Geheimnis. Viele jüngere Männer und selbst Kinder im schulpflichtigen Alter unter 15 Jahren sind in Ostanatolien gezwungen, als Saisonarbeiter auswärts, vorwiegend in der Westtürkei, Verdienst zu suchen.

Das Einkommensgefälle der Türkei ist gross: Der einkommensstärkste Fünftel der Bevölkerung verfügt über 57% des Sozialprodukts, der einkommensschwächste über weniger als 5 %. Fiele die verdeckte Arbeitslosigkeit, das heisst vor allem die Zahl der un- oder unterbezahlt im Familienbetrieb arbeitenden Menschen ins Gewicht, so wäre die Arbeitslosigkeit wohl mehr als doppelt so hoch wie der 1999 ermittelte statistische Landesdurchschnitt von 14,2%. Etwa ein Drittel der türkischen Bevölkerung lebt an der Grenze des Existenzminimums oder darunter. Da die Wohlstandsdisparität zwischen Westen und Osten enorm ist, kann man davon ausgehen, dass die Zahl der Haushalte unter dem Existenzminimum in Ostanatolien um einiges höher ist als die offiziellen 8% des statistischen Landesdurchschnitts.

Das Alter von 40% der Bevölkerung der Türkei liegt unter 20 Jahren. Die Zahl der Arbeitsuchenden steigt daher in der Türkei aus demographischen Gründen wesentlich stärker als in europäischen Ländern, wo die Arbeitslosigkeit hauptsächlich durch Rationalisierung und Produktionsverlagerung anwuchs. Will das Schwellenland auf dem globalen Markt konkurrenzfähig bleiben, setzt die Industrie auf Modernisierung. Die in der Westtürkei einsetzende sprunghafte Entwicklung generiert das Kapital zur Automation. Die Bauwirtschaft boomt in den Metropolen und den Tourismusregionen. Die Exportindustrie erlebt eine steigende Nachfrage. Das hektische Wachstum schafft gegenwärtig in den Zentren zwar Arbeitsplätze. Aber auf Dauer wird es den anhaltenden Druck der Migration und eine erneute Arbeitskrise nicht auffangen können. Allzu zügellos erscheint die Entwicklung um 2010 insbesondere in der 15-Millionenstadt Istanbul. Die Entwicklungsplanung ist zu wenig auf Nachhaltigkeit orientiert und nimmt auf soziale Minderheiten schon gar nicht die gebotene Rücksicht. Die Bedürfnisse der zahlreichen im Lauf von Generationen zugewanderten Minderheiten sind unzureichend integriert und ein verbindliches recht auf Mitsprache steht ihnen nicht zu.   

Ein wachsender Teil vor allem der jungen arbeitsfähigen Bevölkerung hat bis heute im informellen Dienstleistungssektor eine Chance. Doch eine grosse Minderheit lebte und überlebt weiterhin zum Billigsttarif  auf einem verzweigten schwarzen Markt: etwa als Strassenverkäufer, Schuhputzer, Lastenträger oder Kundenwerber.

Die Landwirtschaft beschäftigt immer noch 45% der türkischen Bevölkerung, darunter einen bedeutenden Teil an unter- und unbezahlten Arbeitskräften, welche vor allem in der Saisonarbeit beschäftigt sind. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt beträgt gemäss der Statistik des vergangenen Jahrzehnts nur gerade 15%. Auch sie ist aus Gründen der Rentabilität mittelfristig zur Rationalisierung gezwungen und daher  ebenso wenig in der Lage, mehr Arbeitsuchende aufzunehmen und gesicherte Arbeitsplätze mit entsprechenden Sozialleistungen anzubieten.   

In der Osttürkei, vor allem in den Gebirgsregionen Ostanatoliens, mangelt es am nötigen Kapital und Interesse zu Investitionen in die Infrastruktur, in landwirtschaftliche Entwicklung und in die Erhöhung der Bildungschancen.  Viele unter dem Existenzminimum angesiedelte Familien sind auf das Einkommen durch Kinderarbeit angewiesen. Die Altergrenze für Kinderarbeit ist gesetzlich auf 15 Jahre festgelegt. Rund 30% der Kinder zwischen 6 und 14 Jahren sind aber ohne Rücksicht darauf in der Landwirtschaft oder - vorwiegend auf der Strasse - als Saisonmigranten beschäftigt und somit nicht in der Lage, die Schule regulär zu besuchen.

Die Kinderarbeit schafft ein Bildungsdefizit. In Anbetracht der Tatsache, dass die Hälfte  der Lisé- und Universitätsabsolventen entweder keine Anstellung oder keine ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit findet, stellt sich die Frage nach dem Wert der erworbenen Bildung. Wenn ein grosser Teil ihres Potentials von einem Arbeitsmarkt auf tiefem Niveau aufgesogen wird, während die Wirtschaft gewaltige Anstrengungen unternimmt, um im Wettbewerb der Spitzenleistungen auf dem Weltmarkt zu bestehen, dann ist das eine absurde Situation. Die soziale Disparität nimmt zu. Welche Zukunft hat die Bevölkerung einer Region, welche für den Anschluss an die Industrialisierung schlechthin nicht vorbereitet wurde? Welche Zukunft haben die Migranten der nächsten Generation in den Gecekondus der Provinzstädte und der ausufernden Millionenstädte?

Die porträtierten jungen Arbeitslosen aus dem Dorf Soguksu im Grenzdistrikt Caldiran haben während der Wirtschaftskrise von 2001-3 als Saisonmigranten in den Regionalstädten und den Zentren des Westens keine Arbeit gefunden. Viele von ihnen sind verheiratet und haben Kinder. Ohne Verdienst werden sie vom sozialen Netz der Familie gehalten, leben aber meist in demütigender Abhängigkeit im Haushalt der Eltern. Unter den porträtierten Kindern hat etwa die Hälfte das Alter erreicht, in dem sie, falls ihre Familie darauf angewiesen ist, entweder (beispielsweise als Hirten) in der Landwirtschaft oder als kleine Saisonmigranten auswärts arbeiten, sofern der Ertrag wenigstens ihre Existenz während der Arbeitssaison sichert.




Junger Bauer mit zwei Kleinkindern in ärmlicher Wohnstube:

Der kleine Hof liegt am Rand der Siedlung Ciftlik im Distrikt Dogubayazit (Provinz Agri). Die Behäbigkeit von Kanapees, von weichen und warmen Teppichen oder Schafsfellen, frisch gekalkten, mit Familienfotos und Jagdgewehren behängten Wänden sowie soliden Fenstern und Türen fehlt in diesem Raum, welcher als Küche und Wohnzimmer in einem dient. Das sechste Kind sitzt im Schoss des Vaters. Die Arbeitslosigkeit junger Familienväter erzeugt in der sozialen Hierarchie der Dorfgemeinde zweifellos Spannungen. Bei den oft auftretenden Zwistigkeiten geht es in dieser grenznahen Region unter anderem wohl um Anteile an Geschäften oder um Pacht- und Kreditschulden.




Dorfjunge mit den Symptomen der Fluorose:

Ein kaum zehnjähriger Sohn einer Nachbarsfamilie am Dorfrand von Ciftlik hat deutliche Symptome der in der Araratregion endemisch verbreiteten Zahnerkrankung Fluorose. (Zu der durch das belastete Trinkwasser verursachten Krankheit sowie zu den Gesundheitsproblemen und der medizinischen Versorgung im Allgemeinen ausführlicher a.a.O.) 



Migration und Desintegration in der Provinz

Die Gecekondu in ostanatolischen Provinzstädten:

Im grenznahen Garnisonsstädtchen Dogubayazit leben Händler, Beamte, Soldaten und - seit Kriegsbeginn vermehrt - Zuzüger aus den Dörfern der Gebirgsregion. An der Durchfahrtstrasse siedelten sich in den letzten Jahrzehnten Erdölhändler an. Rostige Tanks wurden aufgebockt oder wannenlos halb im Sand verscharrt. Fast im Minutentakt rollten noch 2001 die iranischen Trucks heran, kurvten Staub aufwirbelnd auf die Umschlagplätze und füllten die Tankanlagen. Aus lecken Schläuchen und Gewinden sickert nach einer kurzen Importsperre wieder Oel. Der Boden im Umkreis der Tanks ist öldurchtränkt. Ein Oelfilm schimmert in den schmutzigen Kanalpfützen der Gecekondu unterhalb der Strasse. Benzin verkauft sich billig und es wird gut und schnell  verdient.

Eine Goldgräbermentalität hat die Stadt ergriffen. Hässliche Geschäftshäuser und billige Hotels haben sich im Zentrum etabliert. Im Passagen-Bazar wird Importware angeboten: von gut vernetzten lokalen Händlern über Dubai eingeführte Elektronik wie Handys, Kameras oder Uhren aus Ostasien. Das Geschäft mit Schmuggelgut blüht. Die Pastanesis und Internetcafés machen Konjunktur mit den heimwehgeplagten Soldaten. In Lounges und Bars der Hotels und besonders in einem berüchtigten Tanzrestaurant über der Stadt trifft sich die arrivierte Gesellschaft von Geschäftemachern, Beamten oder Akademikern.  

Yeni-Dogubayazit müsste die geschäftig-nüchterne Stadt mit ihren Ladenpassagen, Internetcafés, Confiserien und eher anspruchslosen Hotels eigentlich heissen. Doch es gab wohl keinen Anlass, sie von Eski-Dogubayazit, den paar Mauerruinen einer alten Stadt zu Füssen des eleganten Palastes droben am Berg, zu unterscheiden. Die staatlichen Organe hatten kaum ein Interesse, deren Schicksal und Zerstörung in Erinnerung zu rufen. Der restaurierte Palast erfüllt seinen Zweck, als erstklassige türkische Touristenattraktion aufzuwarten, vollauf.

Die ausgedehnte Gecekondu in der Ebene jenseits der Transitstrasse hängt - genau so namenlos und wenig attraktiv wie die Ruinen am Berg - als ein Auswuchs, als ein lose mit ihr verwachsener Fremdkörper an der Neustadt. Die Gecekondu von Dogubayazit dehnt sich wie ein riesiges Dorf in der Ararat-Hochebene  und entlang der Transitstrasse aus. Die Schicksale der Zuzüger und die Hintergründe ihrer Niederlassung sind unterschiedlich. Es handelt sich wohl mehrheitlich um Vertreter des Landproletariats und Kriegsvertriebene. Viele der Neusiedler mögen in der Hoffnung hergezogen sein, dass ihnen hier der Einstieg ins Geschäft gelingen werde. Andere bauten sich als Flüchtlinge unter dem Zwang der Umstände einen kleinen Hof ohne Land, wo sie wie im Dorf ein paar Hühner oder Schafe züchten und unter einer Plane einen Getreidevorrat anlegen, um Brot zu backen. Es gibt in dieser Dorfstadt immerhin eine wohl eher improvisierte Kanalisation und Wasserversorgung. Die Väter und Kinder der Gecekondufamilien suchen Gelegenheitsarbeit oder eine jederzeit kündbare Anstellung in der Stadt, auf dem Markt, im Hotelbetrieb, auf der Strasse.

Der Blick über die Innenstadt von Dogubayazit, über Hotels, Verwaltungs- und Geschäftsgebäude, die Post und den Sitz des Nachrichtendiensts sowie das dürftige Spital, erfasst am Horizont die Araratebene und den verhängten Berg im Frühlicht. Die Gecekondu entwickelte sich draussen im Kreuz der Nord- und Ost-West-Transversale und dehnt sich raumgreifend in der Ebene aus. Es handelt sich fast ausschliesslich um einstöckige Hofhäuser dörflicher Bauweise. Bloss entlang den Verkehrsadern entstanden einzelne Wohnblöcke mit Geschäften sowie Erdöllager und Tankstellen.

Aehnliche Eindrücke prägen sich andernorts ein, zum Beispiel in Van, in Yüksekova an der Südostgrenze oder in Erzurum. Die Gecekondu von Pasinler in der Provinz Erzurum dehnt sich am Burghügel über der Stadt aus. In der Ebene, entlang der Durchfahrtstrasse jenseits der Altstadt, ist eine moderne Wohnblocksiedlung entstanden. Der Kontrast könnte grösser nicht sein. Die Wohnverhältnisse auf dem Hügel offenbaren einen teilweise erschütternden Grad der Verelendung und Diskrimination. Elendsviertel und -nischen finden sich vielerorts in ostanatolischen Provinzestädten, so etwa in Quartieren der Grossstadt Erzurum. Sie sind nicht nur aus hygienischer und sozialethischer Sicht unzumutbar, sondern auch politisch riskant, da sie eine für ein islamisches Land beunruhigend wachsende Kriminalität begünstigen und dem religiös begründeten antiliberalen Radikalismus eine Rechtfertigung in die Hand spielen.

Inmitten von Erzurum - nahe am Geschäftszentrum - werden offensichtlich improvisiert errichtete und teilweise wohl aufgestockte Backsteinhäuser eines älteren Quartiers von mehrstöckigen schlecht gebauten Beton-Wohnblöcken bedrängt. Eine Gecekondu-Insel ist hier von Wohnblöcken verschiedener Generation umzingelt. Die farblich bunte Hinterhof-Idylle verrät die Planlosigkeit jüngerer Baugeschichte und erzählt von verdrängtem Wohnelend, wie es vorwiegend Zuzüger der Grosstädte heute zu erleiden haben. Die armseligen Backsteinwohnungen und Gewerbebuden haben nur eine Gnadenfrist; in Bruchsteinruinen älterer Behausungen wächst Unkraut. Das Quartier wird allmählich aufgerieben. 


Erdölhandel und eine Gecekondu in der Araratebene









Erdölumschlag in der Grenzstadt

Eine ölige Wasserlache auf dem Platz spiegelt einen geparkten Tanklaster. Weniger flott als sein grüner Tank sind die Secondhand-Lagertanks und die Tonnen und Barrels der „kleinen“ Händler auf dem Umschlagareal vor der Gecekondu von Dogubayazit. 

Ein iranischer Tanklastwagen hat am Füllstutzen eines Tanklagers in Dogubayazit angedockt. Grün ist die Farbe des Propheten, die Farbe der Offenbarung, des Heils. Mit roten iranischen Lettern ist die weisse Kabüse eines Lagerhalters angeschrieben.


Die Neustadt ist das Verwaltungszentrum des Distrikts.  Der Blick über die Innenstadt von Dogubayazit, über Hotels, Verwaltungs- und Geschäftsgebäude, die Post und den Sitz des Nachrichtendiensts sowie das dürftige Spital, erfasst am Horizont die Araratebene und den verhängten Berg im Frühlicht.  In Dogubayazit ist eine Grenzgarnison stationiert. Das militärische Areal ist wohl so gross wie die Stadt selbst.


Dorfzerstörung und Migration 

Das Dorf Sancavus liegt in der Sarisu-Ebene nahe der iranischen Grenze bei Gürbülak (Distrikt Dogubayazit). Es wirkte kurz nach dem Krieg wie ausgestorben. Ein Teil der kleinen Höfe des Dorfs sind bewohnt, doch zahlreiche Häuser sind zerfallen, die Bewohner sind emigriert oder ausgesiedelt worden. Das am Dorfrand neben dem Feldweg gelegene Haus hat im schmutzigen Verputz zahlreiche behelfsmässig mit Mörtel vermachte Einschusslöcher. Im Eingangsbereich sind mehrere Durchschüsse.


Zeugen des Dorfs berichteten von einer Schiesserei, als Truppen nachts in das Dorf eingefallen seien. Nach ihrer Darstellung erlebten sie solche Raids als Terror der Streitkräfte: Die Truppen sollen wild um sich gefeuert haben, offenbar um die Bewohner einzuschüchtern und zum Verlassen des Dorfs zu bewegen. In diesem Haus, das Ziel mehrerer Salven gewesen sei, habe zur Zeit der Raids eine Frau allein mit ihren Kindern gewohnt, wie Nachbarn berichten. Am folgenden Tag seien die Soldaten wieder vorbeigekommen und hätten Mörtel in die Einschusslöcher gestrichen.

Die Wahrheit über die Hintergründe der Raids ist schwer zu ermitteln. Das Dorf stand zwei Jahre nach dem Krieg erneut unter Quarantäne, da es innerhalb einer etwa 10 Kilometer breiten Schutz-Zone entlang der Araratgrenze liegt. Es gilt als unzuverlässig. Diese Auskunft erhielten die Besucher von Militärpersonen. Etwa einen Kilometer vor dem Dorf liegt eine kleine Grenzgarnison. Bei einem erneuten Besuch im Sommer 2001 wurde der Kleinbus aufgehalten und an der Weiterfahrt gehindert. Der wachthabende Offizier erlaubte den Besuchern nicht einmal, die ihnen bekannten Bauern bei der Heuernte ganz in der Nähe zu begrüssen. Auf die Nachfrage gab er dafür die Begründung, es seien „schlechte Leute“ (wörtlich).  



Wenn Fortschritt anläuft

Fortschritt und Tradition

Die Elektrifizierung der Dörfer

Ihren Bedarf an elektrischer Energie erzeugt die Türkei zu 90 % in eigenen Wasserkraftwerken. Fast zwei Drittel der Elektrizität fliessen einer wachsenden Industrie zu (nach Höhfeld 2002). Da die Rohölproduktion der Türkei die Nachfrage nur zu einem geringen Anteil deckt, hat die Braunkohleförderung stark zugenommen. Braunkohle verdrängt allmählich die in Ostanatolien auf dem Dorf noch verbreitete, ökologisch sinnvolle Nutzung von getrocknetem Viehdung. Die Entwicklung der Wasserkraftnutzung seit den 50-iger-Jahren ist im Vergleich zum Aufkommen anderer Energieträger gigantisch. Die Elektrifizierung der Dörfer kam nach jener der Städte erst in den letzten Jahrzehnten in Gang; in zahlreichen abgelegenen Gebirgsregionen der Ost- und Nordosttürkei erfolgte sie noch in den 80-iger und 90-igerjahren.

Das kurdische Haus verfügt in der Regel heute über eine Parabolantenne für den Fernseher und in sehr bescheidenem Ausmass über elektrisches Licht. Gekocht und gebacken wird mit der herkömmlichen Energie, Wärme liefert die Feuerung. Kühlschränke sind in den Dörfern noch kaum in Gebrauch. Es ist anzunehmen, dass die Veränderung der sozio-ökonomischen Strukturen durch Abwanderung und Industrialisierung sowie der Rückgang der Viehhaltung in den Kleinbetrieben einen entscheidenden Einfluss auf die Umstellung von der traditionellen Dung-Nutzung auf andere Energieträger haben. 





Die Elektrifizierung am Modell

In der Eingangshalle einer kleinen Handelsmesse in Tatvan, deren Basar und Musikbühne den Eindruck eines Jahrmarkts weckt, hat die Behörde ein „ostanatolisches“ Miniaturdorf aufgebaut. Die für die Landesarchitektur untypischen Giebelhäuser sind durch Leitungsmasten an das Versorgungsnetz angeschlossen. Die plumpen Kästen stellen nicht etwa Transformatoren, sondern die Ställe dar. Für eine liebevoll naturalistische Abbildung der Verhältnisse - etwa der Dung-Pyramiden und Pferchmauern oder einer Kuhherde im unnatürlich üppigen Klee - haben die Erbauer keine Mühe aufgewendet. Auf seine Weise verbreitet das anspruchslose Modell an der Schwelle zum 21.Jahrhundert in der ostanatolischen Gebirgsregion das Bewusstsein des sich anbahnenden Fortschritts. Dass der Bau gigantischer Wasserkraftwerke weiterhin auch das Opfer von Umsiedlungen ganzer Dorf- und Talschaften erfordert, wird an einem solchen Anlass nicht thematisiert.  (Bild 9)



Schaf- und Ziegenzucht

Bei den zwischen dem 11.und 14.Jahrhundert in Kleinasien einwandernden nomadischen Türkvölkern hat die Schafzucht Tradition. Die im Gebiet seit vorgeschichtlicher Zeit ansässigen Kurden wohnten wie andere Völkerschaften, etwa die Armenier, wohl mehrheitlich in festen Siedlungen und betrieben neben extensivem Anbau die Schaf- und Ziegenzucht schon vor mehr als zweitausend Jahren.

Schafe und Ziegen lieferten vor allem Fleisch und Wolle, die Milchproduktion war sekundär und hatte wie noch heute nur für die Selbstversorgung Bedeutung. In der Türkei vermehrte sich mit dem Fleischbedarf der wachsenden Bevölkerung in den Städten bis in die Achzigerjahre des 20.Jahrhunderts vor allem die Schafzucht, während die Ziegenbestände mit der Nachfrage nach Angorawolle kontinuierlich zurückgingen. Erst in den letzten Jahrzehnten nahm die Rinderzucht zu und fand auch in topografisch und klimatisch begünstigten Gebieten Ostanatoliens - etwa in den Weiten von Kars und Ardahan - in grösserem Umfang Verbreitung, da die vermehrte Nachfrage so-wohl nach Fleisch als auch nach Milch und Käse einen Markt schuf. Im östlichen sowie im zentralen Ostanatolien - im Hinterland des Vansees, im Araratgebiet oder in den Bingöl-Daglari - dominieren auch heute noch die Schafherden. Rinder ergänzen die Milch- und Fleischproduktion in kleinem Umfang; Ochsen und Kühe werden in der Agrarwirtschaft gerne als Zugtiere verwendet.

Das Hochdorf Kustyan am Baliksee

Im abgelegenen Kustiyan kommt der Frühling spät.
Das Dorf auf Alphöhe am See verfügt über ausreichend Wasser, Weide- und Ackerfläche, auf den bewässerten tieferen Stufen auch für den intensiven Anbau. Einen Traktor (wie im Hintergrund) leistet sich allerdings nur ein Grossgrundbesitzer oder ein vermögender Bauer, welcher gegen Entgelt Trans-porte anbietet und auf den Aeckern anderer Bauern pflügt. In Kustiyan sind nach wie vor sowohl der primitive, von Kühen gezogene Pflockpflug als auch das Prügeljoch oder der Scheibenrad-Wagen im Einsatz.


Das Durchwintern der Viehherden

Schafherde im Pferch. Der Winter im Hochdorf ist hart und sehr lang. Die Herden müssen durchgefüttert werden. Die Anlage von ausreichenden Heu- und Brennstoffvorräten ist lebenswichtig. Das Dorf Yukari Tavla liegt wie Kustyan auf Alphöhe. Der junge Hirte treibt die Schafherde unweit des Dorfs über die Sommerweide. Die Weidegebiete liegen unweit der iranischen Grenze.





Alintepe liegt zwischen den Ausläufern des Vulkans Tendürek in der Araratebene. Die Dorfquelle ist etwa einen Kilometer von der Siedlung entfernt. Der junge Hirte treibt die Schafherde zur Tränke, während die Frauen und Mädchen ihre schwere Arbeiten verrichten: Sie waschen Teppiche im Quelltümpel oder klopfen am Wasser mit Knütteln die rohe Schafwolle weich; in Kanistern und Kesseln holen sie täglich das Trinkwasser für den Haushalt und transportieren es an Tragjochen oder mittels Schubkarren zum Dorf. Das Trinkwasser der Dorfquelle und der Hofbrunnen ist hochgradig fluoridbelastet. Die meisten Einwohner des Dorfs leiden an der Zahn- und Knochenerkrankung Fluorose. Die Syptome der Krankheit treten schon im Schulalter an den Zähnen der Kinder auf. (Zum Problem und den Ergebnissen der Untersuchung in der Region siehe a.a.O..) 


Die Aussiedlung des Viehmarkts von Van

Auf dem früheren Viehmarkt im Gewerbegelände der Stadt Van zählen Bauern die Stückzahl einer Schafherde, indem sie diese durch den Engpass zweier Ruinenmauern treiben. Ein Viehhändler errechnet mit dem Taschenrechner den Preis. Die zwei Bauernknaben wachsen als Hirten auf. Die Ziegenherde trieben sie zusammen mit Erwachsenen von ihrem zwei oder drei Tagesmärsche entfernten Dorf auf den täglichen Viehmarkt in Van.

Um 2001 wurde der Viehmarkt durch den Gouverneur aufs offene, steinige Gelände ausserhalb der Stadt verlegt. In dieser Wüste fehlten nicht nur ummauerte Plätze, sondern vor allem die Infrastruktur, etwa die nötigen sanitarischen Einrichtungen. Restriktionen behinderten schon zuvor den bisher einträglichen Viehhandel über die iranische Grenze, was dem Viehschmuggel Vorschub leistete. Den in Worten losgelassenen Groll der Bauern gegen möglicherweise ungenügend kommunizierte Behördeentscheide konnte man auf dem Viehmarkt handfest erleben. Auch Bauern, welche nach dem Verlust ihrer Höfe im Stadtrandgebiet leben und ihren Besitz reklamieren, äusserten sich unverblümt. Die Verlegung des Viehmarkts konnte als Massnahme im Rahmen der Stadtsanierung begründet werden. Die Entwicklung der Stadt erhöhte den Bedarf an Bauland. Das Ruinengelände lag im Industriebezirk von Van. Von den kurdischen Bauern wurde der Akt als Diskriminierung erlebt.

Es ist bestimmt schwer, traditionsgebundenes Marktverhalten durch begründete Empfehlungen zu ändern, wo es mit gesamtökonomischen Entwicklungen in Konflikt gerät. Dass allerdings Restriktionen ohne flankierende Massnahmen keine taugliche Methode sind, um nötige Umstellungen der Produktion zu erzwingen, leuchtet ein. Export- oder Importsperren haben fast immer zur Folge, dass der Schmuggel aufblüht und die Korruption Boden gewinnt. Die langfristige Entwicklung eines stabilen Markts wird auf diese Weise blockiert.

Die Rückgabe der durch das Kriegsschicksal verlorenen Höfe und Unterstützung beim Wiederaufbau des Betriebs ist zweifellos ein Anliegen, für welches sich der Staat aus humanitären wie politischen Ueberlegungen engagieren muss. Gezielte Hilfe im Bereich landwirtschaftlicher Entwicklung durch die EU könnte bei der Erfüllung dieser Zielsetzung wirksam werden. Entscheidende Voraussetzungen wären zum Beispiel die Zugewinnung von Ackerfläche und Weideland durch Erosionsschutz und Bewässerung, die Sanierung der Trinkwasserversorgung sowie die Vermittlung von Strategien zur Entwicklung und Vermarktung der Produktion.







Schafweiden und ein Werbetransparent an der Transitstrecke



US-TOP Jeans... 


Die Strasse Diyarbakir-Van passiert oberhalb Bitlis, am Rand der Hochebene von Tatvan, ein Gefängnis und eine Gendarmagarnison. Die glühenden Talflanken sind von Schaftritten gefurcht. Nur wenige Kilometer von hier Richtung Tatvan fing zur Zeit des Kriegs gegen die PKK ein Transparent mit dem Aufdruck „USTOP Jeans“ den Blick. Die beiden Buchstaben „US“ leuchteten grellrot und waren doppelt so fett wie die schwarzen. Das Türkische Label US-TOP ist auf dem Sprung, auch in Russland im grossen Stil vermarktet zu werden. Symbolisieren die Riesenlettern eine Leitkultur? Sollten sie sich damals vor der abgeweideten, rötlich flimmernden Steppe als Verheissung einprägen?


Bauboom in der Provinzhauptstadt Van




                                                                                              



Die kleinen Migranten und die gigantische Baugrube eines US-Ventures in Van

Zwei Knaben haben in Van Beschäftigung als Austräger einer kleinen Teebar gefunden. Zwei andere Jungen, wahrscheinlich Kinder einer der vielen Gecekondufamilien, sammeln nachts im Geschäftszentrum von Van Altkarton. Mit dem gebrauchten Verpackungsmaterial von Geschäften lässt sich etwas Geld verdienen. Hinter ihnen leuchtet der Eingang einer Geschäftspassage. Vor ihnen öffnet sich eine tiefe Baugrube, nachtschwarz und gegen 100 Meter lang. An ihrem Rand, wo der Gehsteig plötzlich ohne Bauabschrankung zum Schutz der Passanten abbricht, hat sich ein junger Schuhputzer auf seinen Kasten gesetzt und poliert abends die Halbschuhe seiner Kunden.

Unter dem Regierungsplatz von Van entstand um 1998, mit privatem Kapital von einem amerikanischen Grossinvestors finanziert, der neue Untergrundbazar. Zwei Jahre später war es so weit: Die Baugrube war zu, der Platz frisch gepflästert. In sinniger Konkurrenz zur Moscheekuppel im Hintergrund wölbt sich im Zentrum des Platzes eine Lichtkuppel über dem Pflaster. Darüber ragt anstelle des Halbmonds eine Digitaluhr mit roten Leuchtziffern. Wehende Flaggen begrüssen die Kunden, welche über vier Treppen aus allen Richtungen des Strassenkreuzes in die Flaniergassen des Bazars hinuntersteigen können, wo Modeboutiquen, Schmuck- und Elektronikgeschäfte sowie Cafés ein grossstädtisches Ambiente vorspiegeln.

Die Geschäfte und Restaurants, welche mit ihrer grellen Leuchtwerbung den Regierungsplatz säumen, imitieren die Uebergrundkulisse einer Stadt im mittleren Westen der USA. Die Blöcke werden im kommenden Jahrzehnt vielleicht um ein paar Stockwerke in die Höhe wachsen und durch ein paar Billard- und Internetcafés mehr ihre Attraktivität steigern. Aber der traditionelle Bazar wird abschnittweise abgerissen, neue Baugruben öffnen sich für Geschäfte und Hotels. Familien verlieren ihre selbständige kleine Einkunft. Sofern sie Kapital haben, mieten sie sich in einer der neuen Passagen ein. Beton ist das Baumaterial und Neon das Licht der Zukunft. So läuft der Fortschritt an.  





Der moderne Untergrund-Bazar am Regierungsplatz ist "unter Dach". Eine Lichtkuppel im Verkehrsrondell ahmt verheissungsvoll die Kuppel der alten Moschee nach. Die Treppenschächte in die "neue Welt" sind glasüberdacht.

Die Baukonjunktur in Van-City setzt in der Phase des von der PKK einseitig erklärten Waffenstilstands nach der Verurteilung Oecalans mit Macht ein. Wohn- und Geschäftsblöcke, noch im Rohbau, bedrängen die Buden und Stände der kleinen Strassenhändler.  



Kriegskonjunktur und Armut in Yüksekova

Die Dienstleistungsbetriebe an den Transitstrecken garantieren bei guter Konjunktur ein Einkommen. Es wird allerdings weniger in nachhaltige Entwicklung vor Ort, als vielmehr auf kurzfristigen Gewinn in Unternehmen investiert, so beispielsweise in den Provinzstädten Van, Hakkari oder Erzurum. Profiteure solcher Geschäfte sind in der Regel potente Clans. Durch Schmuggel und besonders durch das Grenzgeschäft mit dem Erdöl erwarben sich opportunistische Kreise der Provinz Reichtum. Die Reichen werden reicher, die Mittellosen ohne Verwandtschaft oder Klientel meist ärmer.


Yüksekova, eine kleine Grenzstadt im äussersten Südostzipfel zwischen Irak und Iran, erlebt gegenwärtig eine rasante Baukonjunktur. In den Randquartieren der Stadt bedrängt der billige und schlecht geplante Betonblockbau die übriggebliebenen Bauernhöfe und traditionellen Gecekondu-Häuser.  In engster Nachbarschaft von Höfen mit traditionellem Lehmdach, Heustock und Pyramiden getrockneten Schafdungs schiessen hässliche Blöcke hoch. Dörfliche Gecekondu-Verhältnisse und improvisierter „Fortschritt“ stossen sich.


Eine Bau- und Geschäftsmafia scheint hier hartes Kapital zu machen und zu investieren, indem sie den Bau mehrstöckiger Mietshäuser vorantreibt. In der Lounge des massgebenden Hotels schwimmen in einem erleuchteten  Aquarium Haifische. Tanks rollen vom Hauptplatz hinaus auf Patrouille. Im Hinterland, wo sich das Cilo-Gebirge über die irakische Grenze ausdehnt, herrscht Kriegsrecht. So war es 1999 und ebenso wieder zehn Jahre danach.




Gestützt auf seine Dorfwächtermiliz und eine Klientel von Pächtern und Taglöhnern hatte der Aga Mustafa Zeydan in Yüksekova während des Kriegs seine Macht ausgebaut. Als die Inflationsrate stieg, floss in der Grenzstadt Kapital aus dem Heroin- und Waffenhandel vermehrt in feste Werte, insbesondere in Beton. Als Folge der Kriegskonjunktur wuchs auch der Wohnungsbedarf.

In Yüksekova, ähnlich wie in Hakkari, Van oder Dogubayazit, liessen sich in den Kriegsjahren zahlreiche Flüchtlingsfamilien aus Dörfern der umkämpften Grenzregion nieder. Die Schere zwischen neuem Reichtum und Gecekondu-Armut spreizte sich. Die Disparität wächst weiterhin. Dies ist keine Erfolgsgeschichte.  

Das Kind mit der Fanta-Büchse und dem schmutzigen Hemdchen spielt mit anderen Kindern spätnachts auf der Strasse in einem Aussenquartier von Yüksekova. Sein Bauch ist ungewöhnlich aufgebläht. Es scheint krank und etwas verwirrt. Bilder der Armut sind nicht nur in den Gross- und Provinzstädten, sondern auch in dörflichen Randregionen häufig. Am Strassenrand sind in Städten allein oder mit ihren Müttern bettelnde Kinder anzutreffen. Bilder völlig verwahrloster, anscheinend sich selbst überlassener Kleinkinder sind in der Türkei jedoch insgesamt eher selten.





Spielende Kinder und behauste Ruinen - die armselige Gecekondu am Burghügel der Provinzstadt Pasinler:

Die Kleinstadt an der Transitstrecke nach Kars und Agri sowie am Ausgang der Passstrasse nach Musch, kaum 30 Kilometer von Erzurum entfernt, hat verarmten und vertriebenen Familien aus den Gebirgsdörfern kein Dach über dem Kopf geschenkt, sondern Erde auf morschem Gebälk verlassener Hofruinen droben am Burgberg. Alte Vulkanasche! Sie lastet schwer über ihrem Haupt. Provisorisch wurde zugebaut und wo nötig abgestützt. Vorübergehend ist solche  Bleibe immer. Der steinige Weg steigt steil an und wird bei Regen zum Bachbett. Das Wasser reisst das körnige Erdreich auf, schwemmt den Schutt hangab. Bruchsteinmauern erfüllen den Zweck provisorischer Stützdämme. Zwar ist die vulkanische Erde der weiten Talebene fruchtbar und die neuen Wohnquartiere dort unten machen den alten Markt- und Verwaltungsflecken unter der imposanten Festung zur Satellitenstadt von Erzurum. Doch der Blick nach oben weckt nicht die Hoffnung, dass das Elend ein Ende habe, es sei denn, der nackte Fels verhindere, dass es sich bergaufwärts weiter ausdehnt. 

Am Rand der Gecekondu haben sich Bewohner in unvorstellbarem Wohnelend „eingerichtet“. Unter der restaurierten Mauer der imposanten Festung Hasankale scharen sich die provisorischen Behausungen der durch Krieg und wirtschaftliche Not landvertriebenen Migranten aus den Gebirgsdörfern. Mädchen spielen am gepflästerten Aufgang zur Burg vor der roh gefügten Bruchsteinmauer einer Hausruine, deren Wellblechdach wohl von neu Zugezogenen teilweise abgerissen und als billiges Baumaterial wiederverwertet wurde. Ein Mann geht auf dem vom Regen teilweise weggespülten Weg zu seinem Wohnquartier, welches im Schutz alter Stützmauern unter der Burg errichtet wurde.

Das Dach eines durch Hangrutsche eingerissenen Hofs wurde mit Plastikplanen abgedichtet und der schüttere Zugang durch Hölzer abgestützt. Zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke und ein Kessel verraten, dass die Ruine bewohnt ist. Ob die Antenne am dünnen Mast noch ein TV-Programm empfängt, ist allerdings fraglich. Vom Hügel öffnet sich der Fernblick über das Tal auf Reihen neu errichteter Wohnblöcke an der Transitstrasse. Sie verraten, dass Pasinler im Einzugsgebiet der Grossstadt Erzurum eine wirtschaftliche Zukunft zugedacht ist. Die verarmten Zuwanderer werden, wenn sich die Hoffnungen erfüllen, wohl erst in der nächsten Generation davon profitieren. Heute teilen sie wie die meisten Vertriebenen das Schicksal der Diskrimination. Auch am Fuss des Burghügels scharen sich unter den Minaretten der Moschee und dem Sitz der Beledye die zerfallenden Behausungen der Gecekondu. 















Gecekonduähnliche Verhältnisse in Dörfern an Transitstrecken:

Die zerstreuten Wohnquartiere des  Dorfs Güzelsu am gleichnamigen Fluss hinter der „LKW-Karawanserei“ unter der Burg Hoshab sind vor allem in der Regenzeit alles andere als „lieblich“ (türk.: „güzel“). Die Bewohner finden hier aber in der Regel ein Auskommen in den kleinen Dienstleistungsbetrieben an der Passstrecke und als Lastwagenchauffeure. Die Kinder verkauften seit dem vorübergehenden Ende des Kriegs ausgescharrte Fundstücke, handgewobene „Souvenirs“ oder billigen Schmuck an Touristen. Bei Güzelsu wurde vor einigen Jahren eine staatlich beaufsichtigte Manufaktur für Teppiche erbaut.

Güzelsu ist wie zum Beispiel Kumluca an der Vansee-Strecke Richtung Agri/Dogubayazit ein auf bestimmte Dienstleistungen spezialisiertes Dorf. Die Bewohner des Küstendorfs Kumluca haben sich vorwiegend auf das  Transportgewerbe verlegt. In Güzelsu bieten beidseitig der Transitstrasse kleine, schmuddelige Reparaturwerkstätten, Tankstellen, Kaufläden, Imbiss- und Teelokale oder Kioske Arbeit und Verdienst.











Wirtschaftliche Entwicklung und Migrantenelend in Erzurum

Das fast 2000 m hoch gelegene Erzurum ist Universitätsstadt und ein wichtiger Markt im Kreuz der Verbindungen zum Iran und an die östliche Schwarzmeerküste. Im Hochland von Kars, Ardahan und Erzurum hat sich die Grossviehzucht entwickelt. Erzurum verfügt über eine Nahrungsmittelindustrie; unterhalb des Bahnhofs dehnt sich das Gelände des grossen Schlachthofs aus. Die Hochlage der Stadt unter dem Palendöken begünstigte den Skitourismus, von welchem die Hotellerie im Winter profitiert.

Offiziell umfasst die Stadt eine Viertelmillion Einwohner. An der Nordgrenze des kurdischen Siedlungsgebiets gelegen, ist ihre Bevölkerung allerdings durch Migration in den letzten Jahrzehnten weit über diese Zahl hinausgewachsen. Die sozialen und siedlungsstrukturellen Probleme sind offensichtlich. Im konservativen Erzurum  herrscht wohl vor allem wegen der massenweisen Zuwanderung mittelloser Familien aus dem kurdischen Hochland ein zunehmend reaktionäres Klima.

Der Reiter trabt auf dem Schimmel über die weiche Vulkanerde einer Ausfallstrasse, welche mitten durch ein armseliges älteres Viertel der Stadt gebrochenen wurde. Es ist Abend. Er wendet scharf und sprengt mehrmals einige hundert Meter auf und ab. Vielleicht bewegt er das Pferd zu seinem Vergnügen, wie früher vor dem Dorf zu Hause, oder um zu trainieren. Vielleicht reitet er es auch für einen anderen Besitzer ein. Das historisch häufig umkämpfte und strategisch wichtige Erzurum ist für seine Reiterwettkämpfe bekannt. Die Kurden besonders sind routinierte Reiter.

Die vor 10 Jahren (um 2000) fotografierte Ausfallstrasse wird asphaltiert werden und das Zentrum mit dem südlichen Umfahrungsring verbinden. Die südliche Ringstrasse am Nordabhang des Vulkans Palandöken entstand an der Stelle der abgerissenen Stadtmauer.

Am Hang eines Flusstals, unweit der Altstadt, klammert sich ein baufälliges Gecekonduquartier  an den vulkanischen Schlick. Die Ruinen sind notdürftig mit Wellblech und Plastikplanen abgedeckt. Ziegelsteinbrocken beschweren die Planen. Liegen die Matratzen zum Trocknen auf dem Wellblechdach? Der Aprilregen hat den Schlick hangab geschwemmt, den Hang in eine Rutschpartie verwandelt. Der Eingang zu einer Behausung ist mit einem nassen alten Teppich vermacht, welcher lose am Türsturz hängt. Sperriges Baugerümpel -  Wellblechreste und Holzlatten - liegt oder steckt wie Schwemmgut in der Mulde zwischen den Mauern. Der Mann im blauen Kittel müht sich ab ein konisch zugeschnittenes Stück Blech hochzuschieben, um damit das lecke Dach auszubessern. Am Grund des Flusstals spielen drei Knaben Fussball. Der Talhang gegenüber ist von Erosionsnarben und Gehspuren schraffiert.

Altstadtzonen werden geschleift. Die Zeit des Flickwerks, die Zeit der  rohen oder   bunt verputz-ten Bruchsteinmauern läuft ab. Das Wohnrecht in den ein- und mehrstöckig ineinander verschachtelten Häuser verfällt. Die Baukonjunktur hat eingesetzt. Betonblöcke werden oft wohl mehr wahllos als geplant zwischen  den alten Wohnvierteln hochgezogen. Menschen müssen eine neue Bleibe suchen. Die Mietpreise steigen.






Zwischen die alten Vorstadtquartiere am Fuss des Palendöken-Gebirges wird ein Keil neuer Wohnblöcke getrieben. An der Ecke einer Bauabschrankung hat sich ein Schuster aus altem Spanholz und Blech einen schütteren Kiosk - einen nicht einmal mannshohen Kasten - gezimmert. Sein Angebot hat er mit roten Grossbuchstaben sauber an die Seitenwand seiner „Bude“ gemalt: „Schuhe und Lederjacken werden repariert und gestrichen und gefärbt.“  Der Mann, der eine Familie ernähren muss, wird durch die grossflächige Bauunternehmung Wohnung und Werkstatt verloren haben und war wie andere genötigt, sich an der Stelle, wo das Altquartier abgerissen wurde, ein Provisorium einzurichten.





Der Kohle- und Holzhändler lagert sein Handelsgut auf dem Areal zwischen Bruchsteinmauern in dem vom Umbruch erfassten Gelände.



Ein Neubauquartier hinter dem Lagerplatz einer Baufirma im Westen der Stadt und Sicht auf die Yesilcöy und Dumli-Berge am nördlichen Horizont.



Blick in eine Altstadtgasse ...



...und über Gewerbegelände südlich des Stadtzentrums.












Hinter den Bauten der Gewerbezone und neueren Wohnblöcken erscheint an einem sonnigen Apriltag
das verschneite Palendöken-Gebirge.



Inmitten von Erzurum - nahe am Geschäftszentrum - werden offensichtlich improvisiert errichtete und teilweise wohl aufgestockte Backsteinhäuser eines älteren Quartiers von mehrstöckigen schlecht gebauten Beton-Wohnblöcken bedrängt. Eine Gecekondu-Insel ist hier von Wohnblöcken verschiedener Generation umzingelt. Die farblich bunte Hinterhof-Idylle verrät die Planlosigkeit jüngerer Baugeschichte und erzählt von verdrängtem Wohnelend, wie es vorwiegend Zuzüger der Grosstädte heute zu erleiden haben. Die armseligen Backsteinwohnungen und Gewerbebuden haben nur eine Gnadenfrist; in Bruchsteinruinen älterer Behausungen wächst Unkraut. Das Quartier wird allmählich aufgerieben.